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SWR1 3vor8

06SEP2020
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Es ist immer gut, zu wissen, wo man herkommt. Das erdet. Bei einflussreichen Politikern fragen wir nach der Lebensgeschichte und meinen damit: was ist das eigentlich für ein Mensch? Oder: Worin gründet der unglaubliche Erfolg des börsennotierten Unternehmens? Und dann staunen wir, was aus der Idee und dem Mut eines findigen Studenten geworden ist. Auch mit dem Christentum hat es klein angefangen, ehe es zu einer Weltreligion aufgestiegen ist.

Die Begebenheit, über die heute in den evangelischen Kirchen nachgedacht wird (Apg. 6,1-7), führt in die ersten Anfänge zurück.

Am Anfang, als die christliche Gemeinde in Jerusalem regelrecht Wachstumsschübe erlebt hat, stand anscheinend ein Konflikt. Was ist passiert? Es wird erzählt, dass bei der täglichen Versorgung Bedürftiger einige übersehen wurden. Übersehen wurden hinterbliebene, alleinstehende Frauen, Witwen. Verschärfend kam aber noch hinzu, dass besonders Witwen einer Volksgruppe übersehen wurden, die Zugewanderten. War das Zufall? Oder liegt dem ein Muster zugrunde, das vielleicht unbewusst, aber im Alltag eben doch hochwirksam und sehr kränkend ist – und zwar bis heute?

Ein Murren erhebt sich. Mitten im äußeren Erfolg hatte wahrscheinlich erst niemand Lust auf diese Töne. Da ist die Versuchung groß, das Murren zu überhören, so wie bis heute bestimmte Menschen übersehen werden. Aber die Gemeindeleitung damals hat sich Gott sei Dank anders entschieden. Sie hat das Murren gehört und anerkannt, dass sich etwas ändern muss.

Deshalb wurde eine Gemeindeversammlung einberufen. Vielleicht konnten da auch die Witwen ihre Sicht der Dinge erzählen und erleben, dass ihnen zugehört wird.

Dort zeichnet sich ab, dass die Gemeinde für ihre gewachsene Größe eine arbeitsteilige Organisationsform braucht. Eine strukturelle Lösung muss her - und sie wird auch gefunden: Durch Wahl wird ein Team aus sieben Personen eingesetzt. Sie kommen aus der Gruppe der Benachteiligten und werden also von allen akzeptiert werden. Ihnen wird die soziale Arbeit übertragen. Damit ist die Situation wirksam verändert und befriedet.

Zur Geschichte des Christentums gehört diese bewältigte Krise am Anfang. Menschen haben dabei die Erfahrung gemacht, dass sie zusammen etwas bewegen und Schaden abwenden können. Ich finde: Das gilt bis heute. Christen können in Gottes Namen hinsehen und zuhören, brauchen Konflikte nicht zu scheuen, können Prozesse anstoßen, die das Leben wirksam verbessern.
Es ist immer gut zu wissen, wo man herkommt.

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