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SWR1 3vor8

23AUG2020
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Darf man zufrieden mit sich sein? Zufrieden mit dem, was man geschafft und geleistet hat, dankbar für das, was man kann und erreicht hat? Oder gehört sich das nicht? Man könnte das meinen, wenn man Jesus hört.

Der hat einmal zwei Männer miteinander verglichen (Lk 18, 9-14). Der eine war voller Selbstbewusstsein, stand im Tempel und dankt Gott. Dankt dafür, dass er ein anständiger Mensch geworden ist. Kein schwieriges Elternhaus wahrscheinlich, stattdessen eine ordentliche Ausbildung und ein Beruf, der angesehen ist. Der Mann hat es zu etwas gebracht. Und er dankt Gott dafür.

Jesus aber scheint dieses Selbstbewusstsein nicht zu gefallen. Er zeigt auf den zweiten. Der weiß: Ich habe Fehler gemacht. Vieles ist misslungen, oft war ich selber schuld daran. Besser hab ich es nicht hingekriegt. „Gott, sei mir Sünder gnädig“ bittet dieser Mann.

Und Jesus erzählt: „Dieser Mensch geht nach Hause und Gott hat ihm vergeben.“ Gott sieht nämlich die Geknickten an. Niemand soll zerbrechen an dem, was ihm passiert ist oder was er getan hat. Gott löscht nicht aus, was nur noch ganz schwach glimmt. Er facht das Leben neu an. Wer danach sucht, dem schenkt er einen neuen Anfang. Er lässt das Leben neu aufblühen.

Und der andere? Der Selbstbewusste? Was er kann und geschafft hat, das ist vor Gott belanglos, sagt Jesus. Warum das? Weil Gott die Selbstbewussten nicht mag? Warum darf ich mich nicht über das freuen, was ich erreicht habe?

Ich glaube, das ist es nicht. Es geht darum, dass dieser selbstbewusste Typ eigentlich gar nicht zu Gott aufschaut und danke sagt. Er schaut sich um. Und sieht die anderen. Gott sei Dank, sagt er, dass ich so tüchtig bin. Und nicht so ein Versager wie zum Beispiel dieser da! Das, glaube ich, ist sein Problem. Er hält sich für besser als die anderen.

Der Tüchtige meint im Grunde, dass er alles allein geschafft hat. Er sieht nicht die glücklichen Umstände, in denen er geboren wurde. Nicht die sicheren Verhältnisse, in denen er aufgewachsen ist. Vieles, von dem, was ihm widerfahren ist, hat er ja nicht selbst geschaffen. Vieles war einfach Geschenk. Dafür sollte er dankbar sein. Er aber sieht bloß den anderen. Und ist dankbar, dass er nicht so ein Versager ist. Nicht so ein schlechter Mensch. Der andere hat doch selber schuld, wird er denken. Gott sei Dank bin ich nicht so ein Versager wie der da.

Der Tüchtige sieht den anderen bloß als Negativfolie, auf der alle sehen können, wie gut er dasteht. Er sieht nicht, dass er vielleicht helfen könnte. Man könnte etwas für diesen armen Sünder tun. Er könnte etwas tun. Vielleicht hätte dann auch der Arme Grund, für sein Leben dankbar zu sein.

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