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SWR1 3vor8

16AUG2020
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Ein Haus des Gebets für alle Völker. Dass es das einmal geben wird, davon ist heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Ich finde: Ganz besonders für die Hagia Sophia in Istanbul wäre das eine schöne Zukunftsvorstellung. Wo Europa und Asien sich begegnen. Wo sich im Laufe der Geschichte so oft unterschiedliche Glaubensrichtungen begegnet sind. Dort steht eines der prächtigsten Gebäude, um Gott zu verehren. Die ersten Fundamente der Hagia Sophia gehen auf das sechste Jahrhundert zurück. Sie war Kirche, Moschee, Museum. Was wäre das für ein Zeichen, sie wieder für das Gebet zu öffnen. Zugänglich für Gläubige aller Religionen. Ohne Einlasskontrollen, ohne Scheuklappen.

Vor drei Wochen hat in der Hagia Sophia wieder das muslimische Freitagsgebet stattgefunden. Zum ersten Mal seit 1935. Ein Großaufgebot an Polizisten hat für Sicherheit gesorgt. Die christlichen Fresken und Figuren innerhalb des Gotteshauses hat man verdeckt. Damit ist die Chance zunächst einmal vertan. Dass dort, in diesem uralten Gotteshaus, alle zusammenkommen: Juden, Christen, Muslime. Es wäre doch wenigstens einen Versuch wert gewesen. Um Schluss zu machen mit den spitzfindigen Unterschieden, die oft von keinem mehr verstanden werden. Wer und wie und wo sich Menschen an Gott wenden dürfen. Um Schluss zu machen mit der Eifersucht auf den Bruder und die Schwester, die es eben anders macht, aber nicht mit weniger Ehrfurcht. Um endlich Schluss damit zu machen, das eigene Ego wichtiger zu nehmen als Gott. Mir scheint, das ist die Wurzel des großen Übels: dass Glaubende viel zu oft meinen, sich abgrenzen zu müssen, statt die Gemeinsamkeiten zu suchen.

Nun stammt dieser Vorschlag mit dem einen Haus als Ort des Gebets für alle geradewegs aus dem Alten Testament, genau genommen aus dem Buch des Propheten Jesaja; und damit aus einer Schrift, die Juden, Christen und Muslime als heilig ansehen und verehren. Gott selbst trägt diese Vision vor - durch den Mund des Propheten. Es war offenbar damals das gleiche Problem wie heute. Die Menschen vertragen sich nicht. Sie richten Mauern gegeneinander auf. Auch die, die an Gott glauben. Und das kann Gott nicht akzeptieren. Wo er doch für das universale Heil steht: Frieden und Glück für alle. Und die Menschen einlädt, sich deshalb an ihn zu halten, seine Gebote zu befolgen: damit die Welt besser wird. Wenn die, die an Gott glauben, gegen ihn arbeiten, dann wird es nie etwas damit, dass Religion die Menschheit versöhnt. Aber darauf hofft Jesaja. Denn im Hause Gottes ist Platz für alle.

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