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SWR1 3vor8

28JUN2020
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Menschen können unbarmherzig sein. Gnadenlos. Schon Kinder können das. Der eine hat ein Spielzeug und der andere nimmts ihm einfach weg. Ohne Gnade. Und es hört bei uns Großen nicht auf. Wenn wir uns nicht eines Besseren belehren lassen. Von allein sind Menschen oft unbarmherzig.

Darum tut es mir und vielleicht auch Ihnen gut, wenn Gott dazwischen grätscht und uns daran erinnert. Barmherzigkeit braucht jeder und jede. Jede macht Fehler, jeder wird schuldig an anderen. Wir sind angewiesen auf Verzeihen, auf Vergeben. Darum ist gut, wenn nicht Härte und Gnadenlosigkeit unsere Götter sind. Sondern wenn wir Gott vertrauen, der barmherzig ist.

Lebenswichtig ist dieser Gott, erzählt der Prophet Micha im Alten Testament. Und er erinnert an Menschen, die seine Barmherzigkeit erlebt haben. Micha fragt: „Wo ist sonst so ein Gott wie Du bist, der die Sünde vergibt, und Schuld erlässt, ... der Gefallen hat an Gnade?“

Wo ist sonst so ein Gott? Manche „Götter“, die Menschen so gern hochhalten, sind eher unbarmherzig. Und viele von uns auch. Das war vielleicht früher so, heute doch nicht mehr, sagen Sie?  Aber warum geht es dann gerade heute im Internet oft so gnadenlos zu?

Oder wie kann passieren, was mir ein junger Mann erzählt hat?
Die Polizei hat vor einiger Zeit seine Schwester aufgegriffen. Unter Drogen. Orientierungslos war sie. Sie ist ausfällig geworden und laut.

Am nächsten Morgen war es schon herum unter seinen „Freunden“, hat mir der junge Mann erzählt. Gepostet und geteilt in sozialen Netzwerken und dann ging es analog durch die Nachbarschaft und das Städtchen.

Gnadenlos können so genannte „Freunde“ sein. Und angeblich gute Nachbarn auch. Jedenfalls fühlen der junge Mann und seine Familie sich von ihnen an den Pranger gestellt. Von Verständnis, Hilfe oder Erbarmen haben sie nicht viel gespürt.

Der junge Mann hat mir noch erzählt: Anfangs hat er sich sogar geschämt wegen seiner Schwester vor seinen Freunden. Inzwischen versucht er, sich davon frei zu machen. Er will die gnadenlose Häme nicht übernehmen. Das hilft seiner Schwester nicht und in die Familie bringt es Schmerz und man macht sich gegenseitig das Leben schwer.

Ich finde, er hat Recht. Unbarmherzigkeit macht das Leben kaputt. Vielleicht hilft aber, wenn man fragt wie Micha: Wo ist ein Gott, der barmherzig ist, der einen nicht auf Fehler festlegt? Und wo sind Menschen, die an diese Barmherzigkeit glauben, andere nicht auf ihre Schwächen festnageln, sondern da sind und ihnen beistehen in Notlagen?

Bibeltext:
Micha 7, 18-20
18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils;
der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!
19 Er wird sich unser wieder erbarmen,
unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere
Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.
20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

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