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SWR1 3vor8

11JUN2020
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„In der Kirche bleiben oder gehen?“ Ein Gesprächsabend im Gemeindehaus - einige Zeit vor der Corona-Krise. Mit dabei: Evangelische, katholische und ausgetretene Christen. Leute die nicht wissen, ob sie bleiben oder gehen wollen. Und solche die geblieben sind.

Einige berichten davon, wie weh ihnen Leute der katholischen Kirche getan haben und wie verletzt sie waren. Bis sie endlich entschieden haben zu gehen. Andere erzählen, dass sie auch gerne gehen würden aber irgendwie nicht können. Da sagt ein Teilnehmer, übrigens ein evangelischer Pfarrer: „Ich kann Ihnen sagen, warum Sie nicht gehen können. Katholisch sein ist ein Körpergefühl.“

Das trifft für mich den Nagel auf den Kopf. „Katholisch sein ist ein Körpergefühl“. Ich weiß, das klingt im Zuge des Missbrauchsskandals problematisch.

Katholisch sein als Körpergefühl - das ist schwer zu beschreiben. Das Katholische ist einfach sehr sinnlich. In Gottesdiensten z.B.: sitzen, stehen, knien, Glocken, Orgel, singen, Weihrauch, Essen und manchmal Trinken, also: Brot und Wein. Oder heute: Fronleichnam. Unter normalen Umständen gäbe es heute Prozessionen, bei denen das Brot durch die Straßen getragen wird. Und anschließend sitzt man oft gemütlich zusammen, quatscht, isst und trinkt.

Katholisch sein spricht alle Sinne an. Ich kenne das seit ich ein kleines Kind bin. Ich bin damit aufgewachsen und da rein gewachsen. Und ja, bis vor einiger Zeit habe ich mich damit wohl gefühlt.

Das hat sich verändert. Ich sehe die großen Probleme, die meine katholische Kirche mit sich selbst hat. Der Missbrauchsskandal, nur Männer in wichtigen Positionen, ich kann als Frau nicht komplett das machen, was meinen Talenten entspricht. Die Kirche ist wenig offen für das, was in der Welt wirklich passiert. Da kann ich mich nicht wohlfühlen.

Und trotzdem bin ich z.B. im Gottesdienst zuhause. Die Rituale, die Körperhaltungen, die Lieder, die Musik, die Gebete. Das gehört zu mir. Oder wenn ich mit Leuten besondere Aktionen durchführe oder über den eigenen Glauben spreche. Dann wird mir wieder klar, worum es eigentlich geht: um Gott, um diese sensationelle Botschaft, dass ich schlicht und ergreifend immer geliebt bin. Und dass ich nicht alleine durchs Leben gehen muss. Dass wir Menschen zusammen gehören und dass es nur gemeinsam geht. Deshalb ist es gerade auch für viele so schwierig, dass Gottesdienste nicht mehr wie gewohnt stattfinden können. Das ist auch ein schmerzlicher Teil dieses Körpergefühls.

„Katholisch sein ist ein Körpergefühl“ dieser Satz macht es mir nicht leichter, dabei zu sein. Aber seit ich ihn kenne, verstehe ich selbst besser, warum ich in dieser Kirche bin und bleibe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31086

Manchmal gelingen magische Sätze. Der amerikanischen Schriftstellerin Gertrude Stein ist einer gelungen: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Wie man`s dreht und wendet, heißt das wohl, aus welcher Perspektive auch immer man sie betrachtet, eine Rose ist eine Rose. Mit Lichtreflexen in Blüte und Blatt oder auch nicht, duftend oder auch nicht, ein Zuchterfolg oder eine gewöhnliche Heckenrose – immer ist sie ganz und ungeteilt sie selbst, eine Rose. Das ist ihr bezauberndes Wesen und Geheimnis zugleich, dem sich Gertrude Stein diskret genähert hat.

So ist es auch mit dem Segen. Ein Segen ist ein Segen ist ein Segen.
In der Bibel ist aufgeschrieben, wie Menschen einander segnen können (4 Mose 6, 22-27). Gott selbst, heißt es, hat festgelegt, was man da sagen kann. Heute werden in den evangelischen Gottesdiensten diese Worte zum Thema.

Gott segne dich und behüte dich.
Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Er erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Der eine Segen in seinen drei Sätzen, die eigentlich dasselbe meinen. Ich jedenfalls habe noch keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied gefunden. Das ist ja gerade der Segen am Segen, dass es da nichts zu verstehen gibt. Wie man`s dreht und wendet, es ist Segen. Die Menschen werden an das erinnert, was Gott selbst versprochen hat: Er wird ihnen nah sein, er wird sie begleiten auf dem Weg in die Zukunft, er wird ihnen die nötige kraft geben.

Mose und sein Bruder Aaron haben in Gottes Namen ausnahmslos alle Israeliten in der Wüste gesegnet. Für uns Christen ist dieser Segen das eine Wort zu guter Letzt über ausnahmslos alle im Gottesdienst. Übrigens nicht nur am Sonntag, sondern auch bei Trauungen und Taufen, bei Beerdigungen, im Krankenhaus und Gefängnis. Wo immer Menschen in Gottes Namen zusammenkommen, auch im ganz kleinen Kreis können sie einander segnen. Der Segen fordert nichts, und reicht doch weit in unseren alltäglichen Umgang miteinander hinein. Er verspricht Zukunft, mir und den anderen auch und macht Lust, Segen weiterzugeben:

Gott segne dich und behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Da ist nichts wegzunehmen und nichts hinzuzufügen. Diese Worte haben sich gewissermaßen vollgesogen mit Gottes Treue. Sie haben eine überwältigende Kraft. Wie man´s dreht und wendet: Segen ist ein Segen ist ein Segen.

 

„Rose is a rose is a rose is a rose“ aus dem Gedicht Sacred Emily, in: Getrude Stein, Geography and Plays, 1922.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31029