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SWR1 3vor8

22MRZ2020
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Meine Großmutter und ihr Stofftaschentuch. Daran musste ich denken, als  ich die Bibelstelle gelesen hab, die heute in den katholischen Kirchen zu hören wäre, wenn Gottesdienste dieser Tage nicht verboten wären. Und beides wäre zur Zeit auch nicht möglich: die Begegnung mit meiner Großmutter und das, was sie mit ihrem Stofftaschentuch gemacht hat. Meine Oma war eine wunderbare Frau, bei der ich nur eines nicht ausstehen konnte: wenn sie ihr Stofftaschentuch mit ihrem Speichel befeuchtet hat und mir damit den Mund oder die Backe abgeputzt hat. Den säuerlichen Geruch hab ich heute noch in der Nase. Und Speichel eben spielt auch bei der Heilung des Blindgeborenen im Johannesevangelium eine Rolle. Dort trifft Jesus auf einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Sehr interessant finde ich wie Jesus den Blinden in dieser Geschichte heilt. Er spuckt auf die Erde, macht mit seinem Speichel einen Teig, streicht diesen dem Blinden über die Augen und schickt ihn zu einem Teich, in dem er sich waschen soll. Der Blinde geht weg, tut wie ihm geheißen und kommt sehend wieder.


Wie bei allen Heilungsgeschichten Jesu kann man auch diese auf zwei Ebenen verstehen. Wörtlich, das heißt, Jesus kann das, er kann als Sohn Gottes mit den Naturgesetzen flexibel umgehen. Oder: Jesus tut Dinge, die zutiefst menschlich sind - und damit göttlich schön.


Wenn er, wie in dieser Geschichte, auf einen Mann trifft, der wohl Zeit seines Lebens mit Blindheit geschlagen ist. Blind in dem Sinn, dass er keinen klaren Blick auf die Wirklichkeit hat und schon gar keinen in sich selbst. Und da spielen diese auf den ersten Blick unappetitlichen Elemente eine wichtige Rolle: Speichel, Erde, und Wasser. Der Speichel ist etwas sehr Intimes. Mit ihm stellt Jesus eine große Nähe her und den Teig, den er dem Blinden wie eine Salbe auf die Augen streicht. Dazu muss Jesus sich zum Boden hinunter beugen, um das Element mit seinem Speichel zu vermengen, das auch Teil des Menschen ist: das Erdige, Niedere und Schmutzige. Jesus schafft eine vertrauenswürdige, ja intime Atmosphäre. In dieser Atmosphäre kann er den vor ihm stehenden Menschen heilsam mit dem konfrontieren, was er sich bislang nicht anzuschauen gewagt hat: die erdigen, hässlichen Anteile seiner Person, für die er sich schämt. Die er mit dem Wasser im Teich abwaschen kann. Aber erst nachdem er sie mit Hilfe von Jesus ansehen und annehmen konnte. Und so sich und die Welt zum ersten Mal wirklich sehen…

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