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SWR1 3vor8

08MRZ2020
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Beim besten Willen: ich kann in keinem der Bibeltexte für heute eine Frau entdecken. Ich hab alles durchforstet, aber: es kommt keine Frau vor - weder im Evangelium noch in den Lesungen. Und das heute am Weltfrauentag! Naja, die Leseordnung der Kirche nimmt darauf wohl keine Rücksicht.

Aber die Frage steht: Wo bleibe ich als Frau in der Bibel, in der Kirche, überhaupt in der Gesellschaft.

Ich weiß, dass die Bibeltexte, die wir heute lesen, nicht die Originale sind. Viele Hände haben eingegriffen und viele Interpretationen sind dazu gekommen, manches ist weginterpretiert worden. So ist das im Laufe von Jahrtausenden. Klar ist auch, dass die Gesellschaft in biblischen Zeiten patriarchal strukturiert gewesen ist. Da war der Mann das Oberhaupt, weibliche Perspektiven kommen kaum vor. Das zeigt sich natürlich auch in den Texten der Bibel. Trotzdem glaube ich, sind die Frauen oft zu kurz gekommen bzw. gar nicht beachtet und betrachtet worden. Das ändert sich jetzt langsam. Es gibt andere Bibelübersetzungen. Die nehmen die weibliche Perspektive auf. Es gibt theologische Linien, die sich explizit mit Frauen und dem Frau-Sein beschäftigen.

Was heißt das für mich persönlich, wenn ich Bibeltexte höre oder lese und meine Sicht kommt überhaupt nicht vor? 

Ich versuche mich und überhaupt die Frauen in den Texten immer mitzudenken. Wo ist da jetzt mein Platz, wo sind die Frauen an der Stelle? Ich stelle mir wirklich vor, wo sie genau gestanden haben und was sie wohl gesagt oder getan haben in diesem Moment.

Ich versuche auch, Frauen mitzusprechen, wenn ich spreche. Bei einer Lesung im Gottesdienst zum Beispiel: „Liebe Schwestern und Brüder“. Das ist das Mindeste. Ich füge aber auch die Jüngerinnen dazu und spreche von Menschen, wenn auch nur die Männer geschrieben stehen.  Das verändert was. Bei mir und auch bei denen, die mich hören. Natürlich, dadurch steht es in den Texten immer noch nicht schwarz auf weiß.
Aber ich kann kleine Impulse setzen. In meinem Leben als Frau, aber auch in der Kirche. Die spielt in meinem Leben nämlich eine Rolle. Aber spiele ich als Frau in ihr auch eine Rolle? So langsam wird es allen bewusst, dass Frauen da sind und dass man ihre Kompetenz, ihre Perspektive und ihre Art braucht. Aber völlig gleichgestellt und geweiht werden? Das geht nicht. Weil wir Frauen sind.

Für mich heißt das, dass ich meinen Weg finden muss. Ich muss hartnäckig sein und aufmerksam machen, dass ich da bin. Und ich muss mich selbst mitdenken und mitsprechen.
Im Evangelium für heute sagt Petrus auf dem Berg: „Gut, dass wir hier sind.“ Das sehe ich auch so. Gut, dass wir hier sind. Und uns mit dem einbringen, was uns ausmacht und was wir können - und das hängt sicher nicht vom Geschlecht ab.

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