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SWR1 3vor8

23FEB2020
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Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin[1]. Jesus kann radikal sein in seinen Ansichten. Er hat gelegentlich etwas gesagt, das verunsichert. Aber dieser Satz mit der rechten und der linken Backe, der ist schon besonders heftig. Wer macht das schon - sich nicht verteidigen? Kann das überhaupt funktionieren? Oder steht dem die Natur des Menschen einfach entgegen?

Ich muss eine Weile überlegen, bis mir eine Situation einfällt, in der ich es so gemacht, die andere Wange auch noch hingehalten habe. Nicht in einer handgreiflichen Auseinandersetzung, wo tatsächlich Schläge verteilt worden sind. Die gibt es bei mir nicht. Aber im übertragenen Sinn kommt das andauernd vor. Es ist noch nicht lange her, da hat mir jemand eine Nachricht geschickt, die für mich wie ein Schlag ins Gesicht war. Sie hat eigentlich nur aus Vorwürfen und falschen Unterstellungen bestanden. Ich hab‘ mich gefühlt wie ein dummer Schuljunge. Und meine erste Reaktion war: „Das lässt Du Dir nicht gefallen. Der wird schon noch sehen.“ Die Faust in meiner Tasche war im Grunde schon geballt. Aber dann war mir schnell klar, dass es nichts bringt, mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Stattdessen hab ich angerufen. Das mache ich manchmal auch dann, wenn ein Hörer sich über einen Beitrag hier im Radio aufregt. Oft verändert der persönliche direkte Kontakt die Situation zum Guten. In besagtem Fall aber leider nicht. Ich hab eine Abfuhr kassiert. Der Überraschungseffekt hat nicht funktioniert.

Ich verstehe gut, weshalb Jesus trotzdem rät, nicht „zurückzuschießen“. Sondern still zu halten, abzuwarten. Gewalt erzeugt immer nur Gegengewalt, auch die Aggression, die von Worten ausgeht. Eins gibt das andere und ganz schnell steckt man in einem Teufelskreis, aus dem nur alle verletzt und frustriert herauskommen. Ich weiß kein Beispiel, bei dem das am Ende zu einer Lösung oder einem guten Ergebnis geführt hätte. Trotzdem steckt im Menschen der Drang, sich nichts gefallen zu lassen, sich gegen andere zu behaupten. Ich tue mir schwer damit das zu lassen, weil ich auch kämpfen will und gewinnen.

Jesus sagt: Es wird keinen Gewinner geben. Am Ende haben nur alle etwas verloren: den Frieden. Innerlich und oft auch äußerlich. Wie gut, dass der Mensch nicht nur aus dem Trieb besteht, sich zu verteidigen. Der Mensch hat auch Verstand. Er kann vorausdenken und sich dann für das entscheiden, was klug ist. Er kann zornig werden, und das darf er auch, aber er braucht sich nicht darin zu verlieren. Er kann den Impuls unterdrücken. Das ist dann die andere Wange, von der Jesus spricht. Ich weiß: Das ist eine radikale Lektion, die uns Jesus da erteilt. Aber ich sehe keine Alternative.

 

[1]Mt 5,39b

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