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SWR1 3vor8

09FEB2020
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„Brich dem Hungrigen dein Brot“. Dieser alte, klassische Propheten-Satz ist heute in den Katholischen Kirchen zu hören. Gesprochen vom Propheten Jesaja zum Volk Israel, vor rund zweieinhalbtausend Jahren. Seinen Worten nach will Gott offenbar, dass man sich um den Nächsten kümmert. Eine Haltung, die sich durch die ganze Geschichte der jüdischen und der christlichen Religion zieht. Für mich ist der Glaube dann echt, wenn die Liebe zu Gott spürbar verbunden ist mit der Liebe zu den Menschen. Ich bin mir sicher: wer die Menschen nicht liebt, liebt auch Gott nicht wirklich. Oder positiv ausgedrückt: je tiefer sich jemand Gott verbunden fühlt, desto mehr liebt er auch die Menschen.
Dass das mit dem Hungrigen und dem Brot nicht so einfach auf unsere Welt und Zeit übertragbar ist, habe ich bei einer Begegnung mit einem Bettler erlebt. In der Mittagspause hab ich mir in der Stuttgarter Innenstadt ein belegtes Brötchen geholt und wollte es dem Bettler geben, er lehnte aber ab. Entweder hatte er keinen Hunger oder er wollte lieber Geld für was anderes. Offensichtlich hungern die Menschen in unserer westlichen Welt nicht mehr nach Brot. Aber in anderen Teilen der Welt schon. In Afrika droht eine der schlimmsten Hungerkatastrophen seit Jahrzehnten. Weil es im Süden mancherorts seit mehr als einem Jahr nicht geregnet hat. Und weil der Osten derzeit von einer geradezu biblischen Heuschreckenplage heimgesucht wird.  
Es gibt aber auch noch andere Arten von Hunger. In unserer von Konsum und Technik bestimmten Welt hungern viele Menschen seelisch oder sie hungern nach Sinn für ihr Leben. Und brauchen Zuwendung wie Brot. In England zum Beispiel, wo ein Einsamkeits-Ministerium eingerichtet wurde oder Stuttgart, wo mehr als die Hälfte der Haushalte Ein-Personen-Haushalte sind.
Der Prophet Jesaja, zeitlos wie er ist, geht noch einen Schritt weiter. Er mahnt nicht nur zur Nächstenliebe. Er hat auch beschrieben, was es mit den Menschen macht, wenn sie sich um andere kümmern:
„Dann wird ein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen“ sagt er. Das heißt, dass es gut tut Gutes zu tun. Und heilsam ist für mich selbst, wenn ich anderen helfe.
Ich denke, dass jeder Mensch dieses Licht in sich trägt. Und wenn er es leuchten lässt, im Gebet oder in gelebter Nächstenliebe, dann wird es hell und warm. In ihm und um ihn herum…

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