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SWR1 3vor8

12JAN2020
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Helden sind beliebt. Das war schon immer so und daran hat sich bis heute nicht viel verändert. Die Weltliteratur ist voll von Helden-Geschichten: Odysseus, Siegfried, Wilhelm Tell. Und auch viele Filme kommen ohne sie nicht aus. Heute sind die Jedi-Ritter aus Star-Wars, Batman oder Indiana Jones die Heilsbringer oder Weltenretter.

Wer an diesem Sonntag am katholischen Gottesdienst teilnimmt, bekommt auch eine Heldengeschichte zu hören. Allerdings eine der anderen Art. Der bei Jesaja im Alten Testament beschriebene Held entspricht so gar nicht unserem Bild von einem Helden. Er schlägt keine Schlachten und hat auch keine übermenschlichen Kräfte. Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. So bei Jesaja wörtlich. Der Prophet stellt ihn als Knecht vor, als Gottes Knecht, auf den dieser alle Hoffnung setzt. Er soll umsetzen, was Gott schon so lange will: dass es gerecht zugeht unter den Völkern - im Großen wie im Kleinen.

Jesaja versteht, dass es jetzt anfangen muss, also unmittelbar nach dem Exil in Babylon, dem die Israeliten gerade entkommen waren. Nicht vertagt auf den Sanktnimmerleinstag. Es muss dort sein, wo er lebt. Und es muss auf eine Art und Weise geschehen, die zu dem Gott JHWH passt, an den Jesaja glaubt. Eben nicht heroisch im üblichen Sinn. Nicht mit großen Effekten. Sondern ganz nahe an dem, was die Menschen brauchen. Die kleinen Leute. Die sonst übersehen werden und in Heldengeschichten keine Rolle spielen.

Deshalb ist die Hoffnungsgestalt bei Jesaja auch eher ein Anti-Held. Er tritt dort auf, wo man ihn nicht vermuten würde. Und er kümmert sich um die Not des Einzelnen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Gott hat ihn dazu bestimmt, blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien. Auf diese Weise will Gott für Gerechtigkeit sorgen.

Ich glaube, dass das bis heute der richtige Weg ist, um etwas zum Guten zu verändern. Bei uns, in unserem Land. Wo oft der eine auf den anderen neidisch schaut. Wo Kinder aus armen Familien schlechtere Bildungschancen haben. Wo die Schere zwischen reich und arm immer noch mehr auseinandergeht. Da können auch Einzelne an ihrem Platz etwas tun. Da könnte manch einer zum Helden werden. Und wer weiß, ob Jesaja seine Heldengeschichte nicht auch damals schon genau so gemeint hat…?

 

Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.

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