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SWR1 3vor8

10NOV2019
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Einer der Bibeltexte, die heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen werden, ist eine wahre Gruselgeschichte. Eine Familie wird festgenommen. Sieben Brüder und ihre Mutter. König Antíochus hatte von Griechenland aus im 2. Jahrhundert vor Christus Jerusalem besetzt. Er will sie zwingen, Schweinefleisch zu essen; das dürfen sie aber wegen ihres Glaubens nicht. Standhaft setzen die Brüder sich zur Wehr, werden aber der Reihe nach gefoltert, bis sie tot sind. Als der Dritte an der Reihe ist wollen sie ihm die Zunge herausschneiden. Er soll buchstäblich mundtot gemacht werden, weil der König sich darüber ärgert, wie ungeniert er immer wieder von seinem Gott JHWH spricht. Der dritte Bruder ist einfach nicht bereit, sich zu unterwerfen. Obwohl er weiß, dass das seinen Tod bedeutet.

Nun müsste das mit dem Schweinefleisch ja keine große Sache sein. Dafür sein Leben aufs Spiel zu setzen, ist aus heutiger Sicht schon ein bisschen übertrieben. Aber bei dieser Geschichte geht es ja nicht wirklich ums Essen, sondern um Unterwerfung und Widerstand. Und zwar aus religiösen Gründen.

In der Religion ist es häufig so, dass eine alltägliche Handlung eine übergeordnete Bedeutung bekommt. Der Wein beispielsweise, den Jesus mit seinen Freundinnen und Freunden beim letzten gemeinsamen Mahl getrunken hat, steht von da an für etwas Großes und Grundsätzliches: dass Gott mit den Menschen ganz tief verbunden ist; bis aufs Blut. Schweinefleisch zu essen bedeutet für die Mutter mit ihren sieben Söhnen: sich von Gott abzuwenden und seine Sache zu verraten. Es ist dann eben nicht mehr nur eine Speisevorschrift, sondern bekommt ein viel größeres Gewicht. Wer’s tut, unterwirft sich den Gesetzen eines Königs, und verweist Gott und seine Gebote damit auf den zweiten Platz.

Für fromme Juden ist das mit dem Schweinefleisch bis heute ein sichtbares Zeichen, dass sie an Gott glauben und ihr Leben nach seinen Vorstellungen ordnen. Es gibt natürlich noch andere Zeichen, die fürs Glauben stehen. Auch im Christentum. Mancherorts ist es heute gefährlich, sich zu seinem Glauben zu bekennen. In Nordkorea, Afghanistan, Somalia und dem Sudan müssen Christen mit dem Tod rechnen, wenn sie sich mit Gleichgesinnten zum Gottesdienst treffen, wenn sie eine Bibel besitzen oder in der Öffentlichkeit beten. Viele Christen haben trotzdem ein Kreuz in ihrer Wohnung, und würden es nie und nimmer abhängen. Auch wenn ein Staatsmann lieber sein Portrait dort sehen würde.

Scheinbare Äußerlichkeiten können eine große Bedeutung haben. Manchmal ersetzen sie Worte, die ein Bekenntnis ausdrücken. Insofern – so makaber es klingt – konnte der dritte Bruder getrost auf seine Zunge verzichten. Für was er steht, haben alle auch ohne Worte verstanden. Er macht allen Mut standhaft zu bleiben, die von etwas in ihrem tiefsten Inneren überzeugt sind.

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