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SWR1 3vor8

06OKT2019
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„Du hörst mir nicht zu!“ Partner sagen das manchmal zueinander, wenn sie streiten und es mit der Verständigung so überhaupt nicht klappen will. Das ist ärgerlich und wenn’s zu keiner Lösung kommt, sind beide am Ende frustriert.

Mit Gott kann es einem genauso gehen. Der Prophet Habakuk weiß davon ein Lied zu singen. Seine Wort sind heute im katholischen Gottesdienst zu hören:

Wie lange, Herr, soll ich noch rufen
und du hörst nicht?
Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt!
Aber du hilfst nicht.
Warum lässt du mich die Macht des Bösen sehen und siehst
der Unterdrückung zu?[1]

Und das ist erst der Anfang. In einer ganzen Kaskade von Anschuldigungen hält der Prophet seinem Gott vor, wo er ihn vermisst und doch so sehr bräuchte. Zu seiner Zeit, im 7. Jahrhundert vor Christus, bestimmen Gewalt und Unrecht das Leben in seinem Heimatland Juda. Die das Sagen haben, sind raffgierig und machthungrig. Sie beuten die Natur aus. Menschen werden behandelt wie Vieh. Nichts passiert dagegen. Das Böse ist stärker als das Gute. Und Gott unternimmt auch nichts. Es scheint ihm egal zu sein. Als ob er sich von seiner Schöpfung verabschiedet hätte.

Ich gestehe: Dieser Eindruck beschleicht auch mich manchmal. Gott hört nicht zu und schweigt. Ich weiß, dass ich selbst meinen Beitrag leisten muss, damit es auf unserer Welt gerecht zugeht. Ich kann meine eigene Verantwortung nicht Gott in die Schuhe schieben. Soweit ich etwas tun kann, muss ich das auch. Aber mein Arm reicht nicht so weit. Was ist mit dem großen Ganzen? Es sieht so aus, als ob unsere Welt immer mehr ins Verderben läuft. Die Gletscher schmelzen, die Erwärmung der Erde führt immer mehr zu Überschwemmungen und Dürren. Jede Nation versucht ihre eigene Haut zu retten und denkt nicht an die anderen.

Das kleine Buch des Habakuk wäre nicht Teil der Bibel, wenn dies das letzte Wort über Gott wäre. Wenn Gott einer ist, der gerecht ist und für Gerechtigkeit sorgt, wenn er den Menschen liebt, kann er seine Klagen nicht überhören und tatenlos zusehen. Damit würde er sich selbst abschaffen. Dann wäre Gott machtlos und nutzlos.

In einer Vision sieht Habakuk, was Gott will.

Schreib nieder, was du siehst,
schreib es deutlich auf (…),
damit man es mühelos lesen kann![2]

Und Gott verspricht ihm, dass am Ende der Gerechte am Leben bleibt. Dass nichts umsonst ist, was Gutes getan wird. Immerhin: An diese Hoffnung kann ich mich halten. Und in der Zwischenzeit, so lange ich kann, achtgeben auf das, was böse ist und unrecht. Und etwas dagegen tun. Damit es am Ende nicht von mir heißt, ich hätte geschwiegen.

 

Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.



[1] Habakuk 1,2f.

[2] Habakuk 2,2

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29552