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SWR1 3vor8

25AUG2019
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Christentum und Nationalismus. Das verträgt sich nicht. Papst Franziskus meint: Ein Christ kann nie ein Nationalist sein. Nationalismus ist kollektiver Egoismus.[1] Auch Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz äußert sich im gleichen Sinne, wenn er sagt: „Nationalist sein und katholisch, das geht nicht.“[2]

Wenn ich auf die politische Entwicklung in vielen europäischen Staaten schaue, bin ich froh, dass die Kirchenoberen sich so unmissverständlich äußern. Dass ich mit meinem Gespür dabei richtig liege und von den Offiziellen meiner Kirche Unterstützung bekomme. Die Briten wollen die EU verlassen. Italien verbarrikadiert seine Häfen. Die US-Regierung stellt ihre eigenen Interessen an die erste Stelle, ohne Rücksicht, was das für andere bedeutet. Es geht immer darum, das zu schützen, was man hat: den Wohlstand, die eigene Kultur. Als ob das ginge.

Auch durch eine der Bibelstellen dieses Sonntags werde ich auf das Thema des Nationalismus gestoßen, allerdings von einer anderen Seite. Nicht als Warnung vor dem, was falsch ist, sondern positiv gewendet. Dort, beim Propheten Jesaja, wird gesagt, was Gott von den Nationen erwartet, wo er ihren Platz sieht: Ich kenne die Taten und die Gedanken aller Nationen und Sprachen und komme, um sie zu versammeln, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen.[3] In der Bibel dreht sich alles um Gott. Und wenn es irgendwo aus dem Ruder läuft, dann sagt er, was zu ändern ist. Heute würden wir sagen: Gott denkt global. Nicht national. Alle Nationen sind bei Jesaja vor ihm versammelt. Und dann geht es zuerst um eines: Sie sollen schauen und begreifen, wie Gott ist, was er erschaffen hat. Und: Dass er über allem steht. Über jeder weltlichen Macht. Über allen nationalen Interessen. Er eint die Welt, die er erschaffen hat. Amerikaner und Russen, Deutsche, Briten, Italiener, Syrer und Türken. Und wenn sie da vor Gott stehen und tatsächlich begriffen haben, dann hat er nur einen Auftrag an sie. Wörtlich bei Jesaja: Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Nationen verkünden.[4]Was könnte das heißen: die Herrlichkeit Gottes verkünden? Es muss doch wohl bedeuten, diese Herrlichkeit zu sehen und nicht zu zerstören: die Erde mit ihren Pflanzen und Tieren und Menschen. Mit jedem Leben vorsichtig umzugehen, weil es kostbar ist. Völlig unabhängig von Hautfarbe und Religion und Rentenbeitrag. Das Klima zu schützen und alles zu vermeiden, was Feindschaft sät und womöglich in einen Krieg mündet.

Ich mag meine Heimat. Ich weiß, wie privilegiert ich lebe. Ich sehe aber auch die Not anderer. Ihnen steht das Gleiche zu wie mir. Wer auch immer sie sind. Woher auch immer sie kommen.



[1] https://www.kirchenzeitung.at/site/kirche/weltkirche/ein-christ-kann-nie-ein-nationalist-sein

[2] https://www.zeit.de/2018/30/reinhard-marx-csu-markus-soeder-horst-seehofer-kirche-populismus

[3] Jesaja 66,18

[4] Jesaja 66,19b

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29304