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SWR1 3vor8

30JUN2019
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Schon lange hat mich kein Bibeltextmehr so beschäftigt wie der, der heute in den katholischen Kirchen zu hören ist. Ein Text aus dem Lukas-Evangelium, der sich für mich so heftig wie richtig anfühlt. Lukas beschreibt, wie Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem, also auf dem Weg zu seiner Kreuzigung und Auferstehung, verschiedene Menschen begegnen. Und alle überrascht, brüskiert oder schockiert er mit seinen Worten. Zunächst seine Jünger. Sie wollen eine Unterkunft für ihn finden, werden aber abgewiesen in einem Dorf, das den Juden gegenüber feindlich gesinnt ist. Als die Jünger ihnen daraufhin Böses an den Hals wünschen, weist Jesus sie zurecht und zieht einfach weiter in’s nächste Dorf. Auf dem Weg dorthin schließt sich ihnen ein Mann an, der Jesus „überall hin“ folgen will. Diesem sagt er, dass er sich dann aber auf völlige Heimatlosigkeit einstellen muss. Einen anderen Mann fordert Jesus auf, ihm zu folgen, aber der will zuerst seinen Vater begraben. Ihm sagt Jesus seinen berühmt-berüchtigten Satz: „Lasst die Toten ihre Toten begraben. Du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“ Und einem dritten, der mit ihm ziehen will, sich aber erst noch von seiner Familie verabschieden möchte, klatscht er den Satz entgegen: „Wer zurückblickt, taugt nicht für das Reich Gottes“. Boah, das alles zusammengenommen heißt doch: wirklich in der Nachfolge Jesu ist doch nur wer friedliebend und ohne Vergeltungsgedanken ist, heimatlos sein kann, frei von menschlichen Bindungen, sogar von familiären und einen solchen Glauben hat, dass er selbst mit den menschlichsten Konventionen und Traditionen bricht.

Dieser Lukas-Text trifft mich, weil er so radikal, so kompromisslos ist. Da gibt es nur Schwarz oder Weiß, Ja oder Nein, Ganz oder Gar Nicht. Und damit bin ich raus. Denn so klar und kraftvoll diese Glaubenshaltung auch ist, sie ist nicht meine. Friedlichkeit, ja klar. Mit manchen Konventionen oder Traditionen brechen, das auch. Aber völlig heimatlos sein und ohne meine Familie? Das bin ich nicht. Das kann ich nicht und will ich auch nicht.

Und so bleibt dieser Text ein Stachel in meinem Glaubensfleisch. Weil ich spüre wie wahr er ist, aber auch wie schwer lebbar in seiner ganzen Radikalität. Und darum schaue ich mit Respekt, Skepsis oder Bewunderung auf die, die sich für diesen Weg entschieden haben. Bewusst, frei und in Liebe zu Gott und den Menschen …

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