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SWR1 3vor8

02JUN2019
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Es ist gefährlich, den Himmel offen zu sehen, manchmal lebensgefährlich. Das kann man heute wieder in den katholischen Kirchen erfahren. In einer der Lesungen geht es um die Steinigung des Stephanus. Er ist der erste christliche Märtyrer, das heißt, er ist wegen seines Glaubens umgebracht worden. Und zwar von den eigenen Leuten, als Christ von Christen. Weil sie mit seiner Sicht des Glaubens nicht einverstanden waren. Und wohl auch, weil sie seine spirituelle Kraft nicht ausgehalten haben. Der Text in der Apostelgeschichte beschreibt, wie Stephanus, vom heiligen Geist erfüllt, eine große Rede hielt, an deren Ende er den Himmel offen sah. Was seine Gegner so zur Weißglut brachte, dass sie ihn zur Stadt hinaus trieben und dort so lange mit Steinen bewarfen, bis er tot war.                                              
Was für eine Gewalt! Dass Religion doch auch immer mit Gewalt zu tun hat. Was passiert denn da? Was geht da schief, grundlegend schief? Ist es vielleicht so, dass die Menschen, die den Himmel offen sehen, so viel schmerzliche Selbsterkenntnis bei denen hervorrufen, für die er verschlossen ist? Verschlossen, weil sie zu sehr an sich selbst hängen und von allzu weltlichen Kräften beherrscht sind, wie Macht, Eitelkeit, Neid oder Hass? Und sie die, die den Himmel offen sehen, geradezu loswerden müssen, weil sie diesen Kontrast zu ihrer eigenen religiösen Verfehltheit nicht aushalten? Das hat doch schon mit Jesus begonnen, für den der Himmel ganz offen war. Was die religiösen Machthaber dermaßen in ihrer unmenschlichen Religiosität entlarvt hat, dass sie ihn ans Kreuz brachten. Das  setzte sich fort mit Stephanus und zog sich über die Inquisition als Blutspur durch die Geschichte des Christentums.

Wir Christen haben gelernt aus dieser Geschichte. Es fließt kein Blut mehr. Gewalt ist eigentlich ein Tabu unter uns. Es gibt sie aber noch immer, versteckter, strukturell. In der Macht der Kleriker, die sie ohne irgendeine Kontrolle ausüben und die Nicht-Kleriker, vor allem Frauen, von kirchenpolitischen und spirituellen Entscheidungen aussperrt. Christen haben bereits einen weiten Weg hinter sich zu immer mehr Gewaltlosigkeit. Und nun steht ein weiterer Schritt in der Katholischen Kirche an. Den Himmel offen sehen heißt für sie heute: Weg von der strukturellen Gewalt einer männerbündischen Herrschaft. Und hin zur Öffnung für den Geist Gottes. Den Geist, der kein Oben und kein Unten kennt, nicht Mann und nicht Frau, nicht Kleriker und nicht Laie, sondern nur lebendige, kreative und mutige Liebe. Aber das ist - damals wie heute – gefährlich…

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