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SWR1 3vor8

Vierter Sonntag der Osterzeit C (Offenbarung 7,9.14b-17)

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Der Satz stammt von Helmut Schmidt. Er hat ihn 1980 im Bundestagswahlkampf über Willy Brandt gesagt, seinen Vorgänger als Kanzler. Und so sehr ich Schmidt geschätzt habe, hier hat er nicht recht. Ja, ich finde seinen Gedanken grundfalsch. Ich würde ihn sogar umgekehrt auf die Spitze treiben: Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Ich bin davon überzeugt: Jeder Mensch braucht eine Vorstellung davon, wie es in der Zukunft besser werden kann. Es macht das Leben reicher, wenn ich ein Ziel vor Augen habe, an dem ich mich ausrichte und für das ich mich engagiere. Und manchmal darf dieses Ziel sogar ein bisschen unrealistisch sein, etwas übertrieben, gesponnen, scheinbarverrückt. Weil das die Phantasie beflügelt und verhindert, dass ich mich mit dem zufrieden gebe, was nun eben mal so ist, wie es ist.

Im letzten Buch der Bibel geht es um eine große Vision. Die Offenbarung des Johannes handelt davon, dass die Welt ganz neu wird. Dass die Schöpfung endlich so sein wird, wie Gott sie sich ursprünglich vorgestellt hat: friedlich, sanft, liebevoll und schön. Dreh- und Angelpunkt dieser Vision ist ein Lamm, Sinnbild für Jesus Christus. In dem Abschnitt, der heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen wird, heißt es darüber: Das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.[1] Ganz ausdrücklich wählt Johannes also nicht das Bild eines großen Umsturzes oder einer politischen Revolution. Seine Vision ist keine Fortsetzung der irdischen Verhältnisse, wo Macht und Einfluss darüber bestimmen, was in der Zukunft sein wird. Das Lamm steht für etwas ganz anderes: Es ist wehrlos und verletzlich. Es wird schnell zum Opfer. Gleichzeitig ist es aber auch sanft und schön.

Ich habe neugeborenen Kindern hin und wieder ein Lamm als Stofftier geschenkt. Weil mir das so passend dafür erscheint, wie sie in diese Welt hineingeboren werden. Und weil ich ihnen wünsche, dass sie das Zarte, für das ein Lamm steht, oft erfahren. Eine kleine Vision für das Leben, das vor ihnen liegt.

Unsere Welt ist nicht heil. Kinder verhungern, werden gequält, missbraucht. Die Reichen leben auf Kosten der Armen. Die Waffenarsenale werden aufgefüllt. Wo ungezügelter Nationalismus herrscht, werden Menschen einander zu Feinden. Umso mehr tröstet mich diese biblische Vision. Wo das Lamm Gottes das Dasein bestimmt, wird sich das Leben zum Bessern verändern. Als Christ fühle ich mich dieser Vision verpflichtet. Ich halte an ihr fest und setze mich für sie ein. Damit aus dieser großen Vision ein (kleines) Stück Wirklichkeit wird.



[1] Offenbarung 7,17

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28630