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SWR1 3vor8

Was ist die Wahrheit? Viele Menschen versuchen das zu beantworten. Täglich. In Gerichtssälen zum Beispiel. Und da kann man auch sehen, wie schwer es ist eine richtige Antwort auf die Frage zu finden. Denn offenbar gibt es sie nicht: die eine Wahrheit. Zwei erleben dasselbe und doch: was sie drüber berichten unterscheidet sich maßgeblich. Zum Beispiel in der Frage wer denn nun schuld sei. Und was ist dann wahr?

So ähnlich erlebt man es auch bei Kindern und ihren Eltern. Oft klingen ihre Erzählungen von früher so, als ob sie in unterschiedlichen Familien gelebt hätten. Der erste Kindergeburtstag. Wenn die Mutter darüber erzählt: Das reinste Chaos. Die Tochter erinnert sich dagegen an einen der schönsten Tage in ihrem Leben. Und erst das Weihnachtsfest vor fünf Jahren. Da haben alle miteinander gestritten, aber Papa ist sich ganz sicher, dass er nichts damit zu tun gehabt hat. Gespräche über früher münden nicht selten in Unverständnis und Rechthaberei. Denn jeder hält die eigene Wahrheit für ein kleines-bisschen wahrer als die des anderen.

Heute wird in den evangelischen Gottesdiensten über ein Stück aus der Leidensgeschichte Jesu gepredigt. Da geht es auch um die Frage: Was ist Wahrheit? Pontius Pilatus, der römische Oberbefehlshaber von Jerusalem, stellt sie. Er sollte Jesus verhören und herausfinden: Stimmt es, was die Menschen ihm vorwerfen? Er soll das Volk aufgewiegelt haben. Gegen den Kaiser und die römischen Besetzer. Und er soll Gott lästern und sich selbst als König bezeichnen. Die Ankläger fordern Jesu Tod. Was ist die Wahrheit?

Pilatus fragt und Jesus gibt Auskunft. „Mein Reich“, sagt er, „ist nicht von dieser Welt.“ Und: „Ich bin dazu da, um die Wahrheit in die Welt zu bringen.“

Vielleicht ist das der einzige Standpunkt, von dem man wirklich Wahrheit bringen kann. Von außerhalb. Von einer anderen Welt. Jesus bietet denen, die um die Wahrheit ringen einen Ausweg an. Einen Ausweg aus dem ewigen Hin und Her: Meine Sichtweise – deine Sichtweise. Eine Möglichkeit auszusteigen aus der Rechthaberei. Bei Jesus gilt nicht meine Wahrheit – deine Wahrheit – sondern Gottes Wahrheit. Und die spiegelt sich in allem, wofür er gelebt hat. Wahr ist für ihn, wenn Menschen liebevoll miteinander umgehen. Wahr ist, wenn Menschen einander vergeben und nicht auf Rache pochen. Wahr ist für ihn, wenn Menschen die Not des anderen sehen und sie lindern, anstatt nur nach dem eigenen Vorteil zu suchen.

Sich selbst konnte Jesus nicht retten mit der Wahrheit. Pontius Pilatus hat ihn hinrichten lassen. Und doch hat Jesus denen einen Weg ins Leben geebnet, die an ihn glauben. In ein Leben ohne Rechthaberei. Wie heilsam wäre das, in den Gerichtssälen und an Familientischen, wenn sich seine Wahrheit durchsetzen würde.

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