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SWR1 3vor8

Ich mag den November nicht besonders. Meistens ist er dunkel, kalt und nass. In der Kirche ist es der Monat, an dem an die Toten gedacht wird. Heute und Morgen, an Allerheiligen und Allerseelen, in den katholischen Kirchen. In drei Wochen dann, am Ewigkeitssonntag, in den evangelischen. Mich wundert es also nicht, dass der November einen schlechten Ruf hat.

Paulus, einer der ersten Christen, war vertraut mit den dunklen Seiten des Menschseins. Die hat er am eigenen Leib erfahren. Paulus hatte oft Schmerzen und viele Sorgen. Vielleicht konnte er deshalb andere so gut trösten. Bis heute helfen seine Texte gegen Traurigkeit und Novemberblues. Einmal hat er an eine Gemeinde in Korinth geschrieben. In seinem Brief erinnert er die Leute in Korinth daran, dass Gott bei ihnen ist – auch in den dunklen Zeiten. Er schreibt: Gott hat einen hellen Schein in die Herzen der Menschen gegeben. (2. Kor 4,6) Ein Licht, das immer leuchtet. Ein Licht, das niemand löschen kann. Selbst der November nicht. Ja, nicht einmal der Tod! Paulus war sich sicher: egal wie dunkel es um uns herum ist: tief in uns drin scheint ein Licht. Ein göttlicher Funke. Und dieser Funke erinnert uns daran, dass Gott sich für alle Menschen ein helles Leben wünscht. Eines ohne Schmerz und Trauer. Eines, bei dem die Freude überwiegt und das Licht. Dieses Licht kann man spüren. Manche Menschen spüren es, wenn sie meditieren, andere beten. Ich nehme dieses Licht besonders deutlich wahr, wenn ich an Menschen denke, die ich liebe. Meine Familie, Freunde und Freundinnen. Dann spüre ich – es gibt etwas Helles in meinem Leben, das mich durch die Dunkelheit trägt.

Manchmal kann man dieses göttliche Licht aber auch sehen. Heute an Allerheiligen zum Beispiel. Da brennen auf vielen Friedhöfen Lichter. Ich habe das einmal in Rom erlebt. Am ersten November sind dort viele Menschen zu den Gräbern der Verstorbenen gegangen. Als es dann dunkel wurde, leuchtete auf dem Friedhof ein wahres Lichtermeer. Das hat wunderschön ausgesehen. Und es hat alle Friedhofsbesucher an das erinnert, was Paulus damals geschrieben hat: Daran, dass Gott ein Licht in unsere Herzen gegeben hat. Es leuchtet über den Tod hinaus und erhellt unsere Welt. Besonders deutlich wird das am Leben der Heiligen, die ja als leuchtende Vorbilder bis heute wirken. Menschen, die durch ihr Leben die Welt ein bisschen heller gemacht haben. Weil sie sich eingesetzt haben für andere. Und weil sie mutig waren und Haltung gezeigt haben. Solche Menschen kenne ich als Protestantin auch. Katharina Staritz war so jemand. Sie hat sich im 2. Weltkrieg eingesetzt für Menschen in Ihrer Gemeinde, die wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt wurden. Dafür ist sie von den Nazis verhaftet worden. Nach dem Krieg wurde sie als eine der ersten Frauen zur Pfarrerin ordiniert. Ihr Licht hat mir meinen Weg als Pfarrerin gewiesen.

Als Protestantin glaube ich übrigens, dass alle Menschen heilig sind. Weil sie Gottes Licht in sich tragen. Alle Menschen können dazu beitragen, dass es etwas heller wird in der Welt. Nicht nur im November, aber vielleicht besonders in der dunklen Jahreszeit. Denn da sehnen sich viele nach mehr Licht.  

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„Oh Gott, jetzt auch noch so einer.“ Ich hab’s eilig, will schnell weg und da kommt noch einer, der unbedingt mit mir reden will. Sagt, er brauche ein seelsorgliches Gespräch. Aber meine Erfahrung sagt mir, so wie der aussieht und wie er auftritt, will er nur Geld. Man kennt ja seine Pappenheimer. Ich bin allein im Pfarrhaus, kann die Sache also nicht der Sekretärin überlassen. Was tun? Ihm meine Zeit schenken und dadurch meinen Termin verpassen oder ihm einfach klar machen, dass er jetzt stört und ihn vor der Tür stehen lassen. 

Um einen der stört, geht es auch in der Bibelstelle, die heute in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen wird. Der blinde Bettler Bartimäus. Er sitzt in Jerichow am Straßenrand, hört, dass Jesus vorbeikommen soll und will unbedingt mit ihm reden.  Er ruft, er schreit geradezu: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir.“  Aber die, die um Jesus herum sind, die ihm nachfolgen, seine Jünger und Jüngerinnen wollen das nicht hören. Sie empfinden den Bartimäus als eine Störung und wollen ihn abdrängen: „Sei ruhig, halt die Klappe, Jesus hat wichtigeres zu tun als sich um dich zu kümmern.“ Bartimäus lässt aber nicht locker, sondern ruft noch lauter. Jesus hört ihn, bleibt stehen und wendet sich ihm zu. Er schenkt ihm seine Zeit  und am Ende kann Bartimäus wieder sehen.

Die Jünger hatten gute Gründe, den Bartimäus abzuweisen. Jesus hatte endlich Erfolg, immer mehr Menschen haben sich ihnen angeschlossen und sie waren auf dem Weg nach Jerusalem, dem Ziel ihrer Wanderschaft. Alles lief gerade bestens und da wollten sie auf Störungen keine Rücksicht mehr nehmen. Jesus aber hat sich stören lassen. Den ganzen schönen Zeitplan durcheinandergebracht wegen eines Bettlers an der Straße.

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