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SWR1 3vor8

Schmerz, Scham und Wut. Das empfinde ich angesichts der neuen Studie über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Es tut mir furchtbar weh, wenn ich an all die Kinder und Jugendlichen denke, deren Arglosigkeit von Priestern perfide missbraucht wurde.

Ich schäme mich für meine Kirche, die sich jahrzehntelang als moralische Instanz in Fragen der Sexualmoral aufgespielt hat und in der gleichzeitig in unfassbarer Zahl und Dauer junge Menschen sexuell missbraucht wurden. Und ich bin ungeheuer wütend, wenn ich sehe, wie dieser Missbrauch weltweit stattgefunden hat, systematisch vertuscht wurde und nichts, aber auch gar nichts gegen die Strukturen getan wird, die Missbrauch ermöglichen, wenn nicht begünstigen!

Zu meiner Wut passen die Worte Jesu, die heute in den katholischen Kirchen zu hören sind. In einem Text aus dem Markus-Evangelium geht es um Verführung zu Taten, die Menschen Unheil zufügen und die dadurch ihren Glauben verlieren. Es lohnt sich diese Worte Jesu auf den sexuellen Missbrauch in der Kirche hin zu hören. Zu seinen Aposteln, also zu denen, die er in seine Nachfolge berufen hat, sagt er: “Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer… Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden…“ Harte Worte von Jesus, ungewöhnlich harte Worte. Aber so konnte er auch sein, wenn arme oder schwache Menschen misshandelt wurden, dann konnte er richtig wütend werden.

Empörung und Wut sind gut und tun auch gut. Und mir als Katholiken tut es gerade in diesen Tagen gut die Wut Jesu zu spüren. Aber Wut und Empörung reichen nicht. Denn der Missbrauchs-Skandal in der katholischen Kirche ist so tiefgreifend und so umfassend, dass es auch tiefgreifende und umfassende Konsequenzen geben muss. Dazu gehört, dass die Machtstrukturen aufgelöst werden, die es Klerikern ermöglichen Missbrauch zu treiben und zu vertuschen.

Und meine Kirche muss sich mit dem Zwangszölibat befassen. Denn nicht nur das, aber auch das Zwangszölibat führt zu sexuellem Missbrauch. Nichts gegen das Zölibat an sich. Das ist eine kostbare religiöse Lebensform. Aber nur freiwillig. Denn Zwang führt oft zu zwanghaftem Verhalten, das die Gezwungenen schädigt, mehr aber noch ihre Opfer. Und wenn dadurch auch nur ein Kind vor sexuellem Missbrauch bewahrt wird, ist es schon wert das Zwangszölibat abzuschaffen.  

 (Mk 9,38-43.45.47-48)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27278