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SWR1 3vor8

Zweiundzwanzigster Sonntag im Jahreskreis B (Deuteronomium 4,1f.6-8)

Ein Satz aus meiner Kindheit, an den ich mich gut erinnere, lautet: „Wer nicht hören will, muss fühlen.“ Ich habe ihn dann zu hören bekommen, wenn etwas für mich nicht gut gelaufen ist. Wenn ich unvorsichtig beim Spielen war und hingefallen bin. Wenn ich in der Schule nicht gut war, weil ich eine Klassenarbeit auf die leichte Schulter genommen hatte. Damit war unausgesprochen die Aufforderung verbunden: „Mach’s nächstes Mal besser! Pass auf! Wer nicht hören will, muss fühlen.“

Eine Stelle aus dem Alten Testament der Bibel hört sich so an, als ob sie für den Merkspruch meiner Kindheit Pate gestanden hätte. Heute ist dieser Satz in den katholischen Gottesdiensten zu hören: Mose sprach zum Volk:Israel, höre die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu
halten lehre. Hört, und ihr werdet leben, (...)[1]
Was sich im Satz aus Kindertagen so drohend anhört, ist hier ins Positive gewendet. Was schon ein Unterschied ist. Der Anführer des Volkes Israel verspricht seinen Landsleuten etwas. Nein, kein Geschenk oder irgendetwas Vergängliches. Er verspricht: das Leben. Wer auf Gott hört, der wird leben.

Was tun wir nicht alles, um gut zu leben. Dem gilt ein großer Teil unserer Anstrengungen. Darüber zerbrechen wir uns oft und immer wieder den Kopf: Wie lebe ich gut? Wie bleibe ich gesund? Was muss ich tun, damit ich glücklich bin? Wir schließen Versicherungen ab, gehen zur Vorsorge zum Arzt. Wir belegen Kurse, um uns selbst zu finden. Wir betreiben Yoga oder erlernen andere Techniken, um unsere Mitte zu finden. Und das ist alles nicht falsch, sondern ganz verständlich.

Mose im Alten Testament spricht aber etwas an, das viel grundsätzlicher ist. Er meint den ganz großen Rahmen. Das Grundgerüst, aus dem das Haus gebaut ist, das wir Leben nennen. Mose geht davon aus, dass Gott das Beste für jeden Menschen will. Und dass er dementsprechend Hinweise gibt, wie gelingen kann, was er dem Menschen wünscht. Gott hat sich dazu immer wieder geäußert: in den Zehn Geboten, in den Warnungen der Propheten und zuletzt in Jesus von Nazareth. Die Texte der Bibel geben Hinweise für ein glückliches,  gelingendes Leben. Nur hören muss ich sie. Hören. Verstehen. Und verinnerlichen. Damit sie ein Teil von mir selbst werden. Damit ich sie auswendig und inwendig kenne. Wer heute am Gottesdienst teilnimmt, hat Gelegenheit dazu. Oder wer einen Abschnitt aus der Bibel liest und darüber nachdenkt. Vielleicht genügen sogar schon diese drei Minuten kurz vor Acht am Sonntagmorgen. Was sagt Gott jetzt zu mir? Auf was gilt es zu hören?

 



[1] Deuteronomium 4,1

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27106