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SWR1 3vor8

Sechzehnter Sonntag im Jahreskreis B (Jeremia 23,1-6 und Markus 6,30-34)

IIch unterstelle: Sie wollen kein Schaf sein. Eben so wenig wie ich. Schafe sind harmlos und wehrlos. Sie essen und schlafen den ganzen Tag. Und sonst liefern sie Wolle, Milch und Fleisch. Damit das möglichst effizient klappt, braucht es einen Hirten, der den Laden zusammen hält. Fertig. Ich will kein Schaf sein, das so lebt und wie ein Objekt behandelt wird.

Und trotzdem ist das Bild der Schafherde und ihres Hirten in der Bibel äußerst beliebt. Im Neuen wie im Alten Testament. Heute sind in den katholischen Gottesdiensten zwei Texte zu hören, die mit diesem Bild arbeiten. Entscheidend ist bei beiden die Aufgabe, die dem Hirten zukommt. Ein Schaf ist, wie es ist. Daran kann keiner etwas verändern. Das Schaf steht für den Menschen, der Grenzen hat und Bedürfnisse. Das Schaf symbolisiert die Seite von uns, die hilfsbedürftig ist, der Leitung und des Schutzes bedarf. Sie gehört zu mir, selbst wenn ich das nicht wahrhaben will. Ich brauche immer auch einen, der für mich da ist; bei dem ich keine Vorsichtsmaßnahmen ergreifen muss, bei dem ich mich sicher und behütet fühle. Einen Hirten. Hirten können gut und schlecht sein. Sie können ihre Schützlinge vernachlässigen oder sich um sie kümmern. Die Bibel lässt keinen Zweifel aufkommen: Gott hat ein Interesse an Hirten, die sich um die sorgen, die ihnen anvertraut sind. Aber leider hat es oft genug das Gegenteil gegeben. Deshalb warnt der Prophet Jeremia: Weh den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten.[1] Denn im Bild von der Schafherde spricht Jeremia von Israel, vom Volk, das Gott liebt, und von dem er will, dass es seine Liebe auch zu spüren bekommt. Das ist die ureigene Aufgabe der Hirten. Was, wenn die Schafe allein sind, verängstigt und verloren gehen, weil die Hirten sich nicht kümmern und ihre Aufgabe verraten?

Ich will keine schnellen Schlüsse ziehen. Aber es könnte sein, dass daran auch die Kirche unserer Tage krankt. Dass die Menschen - die Schafe also - merken: Es fehlt an liebender Fürsorge. An einem Miteinander, auf das sich beide Seiten blind verlassen können. Die Schafe auf ihre verlässlichen Hirten; und die Hirten auf ihre treuen Schafe. Stattdessen sind die Hirten zu oft mit allem möglichen beschäftigt. Ich bin als Pfarrer ja auch Hirte. Im Gemeindedienst hatte ich Personal zu verteilen und Geld zu verwalten. Ich saß Abende lang in Gremien und habe die Kirche in der Öffentlichkeit mit klugen Reden vertreten. Aber für die Not des Einzelnen, Schwachen hatte ich oft  zu wenig Zeit und kaum Kraft mehr. So geht es vielen. Vielen Hirten und vielen Schafen.

Jesus ist im Evangelium heute auf den See gefahren, weil er und seine Jünger etwas Ruhe suchen. Aber dann heißt es da: Als er (aus dem Boot)ausstiegund die vielen Menschen sah,hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.[2] Das Problem ist also alt. Und Jesus hat gewusst, was zu tun ist. Er nimmt sich Zeit, hört zu, hat gute Worte. So einfach könnte sein, was offenbar so schwer ist.


[1] Jer 23,1

[2] Mk 6,34

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26887