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SWR1 3vor8

Siebter Sonntag der Osterzeit B (Joh 17,6a.11b-19)

Das ist schon außergewöhnlich! Ein ganzes Kapitel lang betet Jesus zu seinem Vater. So überliefert im Johannesevangelium. Es ist ein Abschiedsgebet. Das Gebet eines Menschen, der weiß, dass er bald sterben wird. Und sein Gebet ist von einem einzigen Thema geprägt: von der Sorge um die, die zurück bleiben. Wie typisch für Jesus, aber auch wie menschlich! Denn es ist ganz oft so, dass Menschen, wenn sie wissen, dass sie sterben müssen, sich große Sorgen um ihre Hinterbliebenen machen. Mehr als um sich selbst. Sie vertauschen dann die Rollen. Sie trösten die, die ihr Sterben mit ansehen müssen. Sie tun so, als ob alles gar nicht so schlimm wäre. Sie lenken von sich selbst und ihrem Schicksal ab, indem sie sich ganz darauf konzentrieren, dass es den Nächsten bloß nicht zu schwer wird. Es kann sein, dass sie sich auf diese Weise vor dem verstecken, was sie erwartet. So versinken sie nicht in düsteren Ahnungen über den Tod, verscheuchen ihre Angst. Sie haben eine Aufgabe, können etwas Nützliches tun. Sie leben noch, sind noch nicht tot. Ich finde, das ist eigentlich ein ganz kluges Reaktionsmuster. Schwierig wird es nur dann, wenn sie ihren Tod leugnen, also den Sinn für die Realität verlieren. Dann wissen die Angehörigen irgendwann nicht mehr, woran sie sind. Es wird dann unmöglich, den Abschied bewusst zu gestalten und dem Sterbenden - wie auch sich selbst - beim Loslassen zu helfen.

Das Gebet Jesu im Johannesevangelium ist heute - eine Woche vor Pfingsten - in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Mich hat dieser Text von jeher sehr berührt, weil er eine große menschliche Wärme ausstrahlt. Wenn er zu Gott, den er Vater nennt, sagt: Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren. (...) Aber jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.[1]

Diese Worte zeigen ein weiteres Mal, wie sehr es Jesus um uns Menschen geht, wie wenig selbstbezogen er ist. Trotzdem besteht zu keinem Zeitpunkt die Gefahr, Jesus könnte den Blick für das verloren haben, was ihm bevorsteht. Er weiß, dass er sterben muss und geht klar und bewusst darauf zu. Und dabei ist ihm zweierlei wichtig: Die Menschen, die zu seinem Leben gehört haben, denen er sich verbunden und verpflichtet weiß. Und Gott, auf den er seine ganze Hoffnung setzt. Das wünsche ich mir auch einmal, wenn ans Sterben geht: so stark und so klar zu sein.


[1] Joh 17,12f.

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