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SWR1 3vor8

„Eigentlich“. Wenn ich „eigentlich“ denke, dann spüre ich: Ich bin noch unsicher. Ein Beispiel: Mit meiner Familie bin ich vor wenigen Tagen umgezogen. Ich habe auch die Arbeitsstelle gewechselt. Und eigentlich bin ich mir sicher, dass das alles gut wird. Wir werden als Familie gut am neuen Ort ankommen. Die Herausforderungen des neuen Jobs werde ich bewältigen. Und auch auf der neuen Stelle werde ich wieder mit vielen tollen Menschen zusammenarbeiten. Da bin ich mir eigentlich sicher.

Ich merke: Das „eigentlich“ schwingt immer mit. Und das verunsichert mich dann. Denn was wird sein, wenn es doch anders kommt? Wenn die Kinder zum Beispiel nicht so schnell Freunde finden? Am „eigentlich“ merke ich, dass ich mir Sorgen mache.

Mir tut deswegen ein Satz aus der Bibel gut: „Ich bin das A und das O“, sagt Gott da, „der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige“ (Offb 1,8). Dieser Satz wird heute in vielen evangelischen Gottesdiensten gelesen.
„Ich bin das A und das O“, das heißt nichts anderes als „Anfang und Ende“. A und O stehen nämlich für „Alpha“ und „Omega“. Das sind der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets, in dem der zweite Teil der Bibel aufgeschrieben wurde. Da steht dieser Satz.

Gott ist Anfang und Ende. Für mich heißt das, dass er auch dabei ist, wenn ich irgendwo aufhöre oder neu anfange. Beim Abschied von den bisherigen Kolleginnen und Kollegen und beim Anfang auf der neuen Stelle. Beim Abschied vom alten Wohnort und beim Ankommen am neuen. Gott ist dabei. Denn er ist der, „der da ist und der da war und der da kommt“. Wenn ich daran denke, entspannt es mich. Denn auch wenn etwas nicht klappen sollte: Dann ist das eben so. Es wird ja nicht immer so bleiben. Und es gibt immer etwas, das man tun kann.

Das zu erkennen fällt mir aber schwer, wenn ich nur auf das schaue, was gerade nicht funktioniert. Stattdessen denke ich an Gott, auf den ich vertrauen kann. Und an Jesus, der mit seinem Geist bei mir ist. Gerade heute, an Himmelfahrt, feiern wir Christinnen und Christen, dass er da ist, auch wenn man ihn nicht sehen kann.

Gott steht über der Zeit. Er ist dabei, wenn alles gut ist. Er lässt mich aber auch nicht fallen, wenn etwas nicht rund läuft. Wenn ich daran denke, kann ich einen Schritt zurück machen. Ich kann mit Zuversicht an das denken, was kommt. Und dann sieht die Welt schon ganz anders aus. Dann kommen oft auch Ideen, wie sich eine Situation verbessern lässt.

Zu wissen, dass Gott dabei ist, das hilft mir, das „eigentlich“, das für meine Unsicherheit steht, aus meinen Sätzen zu streichen. Zu wissen, dass Gott dabei ist, das hilft mir, die Chancen zu ergreifen, die sich bieten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26409

( Apg. 10, 25-26. 34-35. 44-48)

„Ich bin auch nur ein Mensch“. Dieser Satz kann in zwei Situationen gesprochen sein. Die eine: wenn jemand einen Fehler gemacht hat. Und sich mit diesem Satz entschuldigen möchte. Die andere:
Wenn jemand zum Idol gemacht wird, auf einen Sockel gestellt, größer gemacht wird als eigentlich jeder Mensch ist oder sein kann. „Auch ich bin nur ein Mensch“. Das heißt den Ball flach halten, jeden Menschen mit all seinen Stärken und Schwächen sehen. Ihn nicht kleiner machen als er ist, aber eben auch nicht größer.
Um diese Variante dieses Satzes geht es heute in den katholischen Kirchen. Gesprochen von Petrus in einem Text der Apostelgeschichte. 
Was ist passiert? Jesus ist tot und seine Anhänger, allen voran Petrus, verbreiten den neuen Glauben. Zunächst in Galiläa und Judäa, dann im ganzen Mittelmeerraum. Der Mittelmeerraum ist zu dieser Zeit besetzt von den Römern und in Cäsarea, der großen Hafenstadt Judäas trifft Petrus auf den römischen Hauptmann Cornelius. Cornelius hat von dem neuen Glauben der Christen gehört und möchte Petrus kennenlernen. Petrus kommt also zu ihm nach Cäsarea und dort treffen zwei Autoritäten aufeinander: eine militärische Autorität und eine religiöse. Als Cornelius Petrus zum ersten Mal begegnet, fällt er vor Petrus auf die Knie. Eine Unterwerfungsgeste, auf die Petrus mit eben jenem Satz antwortet: "Steh auf, auch ich bin nur ein Mensch“. Damit lernt der römische Hauptmann, der beim Militär an Hierarchien gewöhnt ist, gleich etwas ganz Wesentliches dieses Glaubens: hier gibt es kein Oben und Unten.  

 

Das ist auch für mich ein so zentraler wie schöner Wesenszug des christlichen Glaubens. Und er gilt für mich in jeder Situation und bei jedem Menschen. Wer vor mir steht, steht innerlich immer auf Augenhöhe. Der Bettler, auch wenn er am Boden sitzt, ist nicht kleiner als ich und nicht weniger wert. Der Bischof, auch wenn er höher sitzt auf seinem Bischofssitz, ist nicht größer als ich und nicht mehr wert als ich. Denn vor dem Gott den Jesus, Petrus und die unzähligen anderen Christen verkündet haben und an den ich auch glaube sind alle Menschen gleich. Gleich groß, weil sie Geschöpfe Gottes sind. Und gleich klein vor IHM. Alle.

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