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SWR1 3vor8

Volkstrauertag. Heute wird wieder der Opfer gedacht. Menschen werden zu Opfern, weil sie unterliegen im Kampf um Gebiete und Bodenschätze, im Kampf um Macht und Geld. Elend und Hunger und Wut und Gewalt sind die Folge.
Am Volkstrauertag denke ich: Irgendwie bin ich doch mitverantwortlich für die vielen Opfer. Weil ich nichts dagegen tue. Ich lasse es geschehen und beruhige mich damit, dass ich ja doch nichts machen kann. Kennen Sie das?

Ich überlege: Was ist, wenn wir, Sie und ich, uns verantworten müssten dafür, dass wir nichts getan haben? Was könnten wir tun, um uns zu retten? Jesus hat dazu einmal eine merkwürdige Geschichte erzählt: Da war ein Gutsverwalter, der sollte von seinem Chef entlassen werden, denn er hatte seine Verantwortung nicht wahrgenommen. Er hatte den Besitz des Chefs verschleudert.

Und jetzt? Kann er noch etwas retten? Da besinnt sich der Verwalter – und verschleudert noch mehr vom Gut seines Chefs. Er lässt Schuldscheine fälschen und erlässt den Schuldnern einen Teil ihrer Schuld. Dafür, hofft er, kann er bei ihnen unterkommen, wenn er rausgeflogen ist. Er will sich beliebt machen mit diesem Schuldenerlass. Und – jetzt kommt’s – der Gutsbesitzer, also sein Chef: der lobt ihn sogar dafür: ‚Weil er so schlau gehandelt hat.‘

Wofür, überlege ich mir, lobt ihn sein Chef?
Ein Wirtschaftsexperte [1]hat erklärt, was so schlau ist an diesem Handeln:
Erstens, klar: Die Schuldner können aufatmen und neu zu wirtschaften anfangen, befreit von drückender Schuldenlast. Zweitens, wie beabsichtigt: Der Verwalter macht sich beliebt. Er macht sich Freunde. Wer anderen in Not hilft, der wird nicht allein sein, wenn er selbst Hilfe braucht. Ich glaube, das gilt nicht nur unter Nachbarn und Freunden. Das gilt auch unter Kollegen, zwischen Volksgruppen, zwischen Nationen. Wer Hilfe findet, der braucht nicht mit Gewalt um sein Leben zu kämpfen. Und drittens: Wahrscheinlich gewinnt auch der Gutsbesitzer, also der Chef, bei diesem Deal. Die Schuldner hätten ihre Gesamtschuld vermutlich niemals bezahlen können. Sie wären in Konkurs gegangen und der Gutsbesitzer hätte einen größeren Verlust gehabt. Eine reduzierte Teilschuld – die könnten sie aber vielleicht aufbringen.[2]

So hat jeder etwas von dem unerhörten Verhalten des Verwalters. Und ich lerne: Auf Ansprüche verzichten. Schulden erlassen! Menschen in Not helfen. Damit sie nicht Opfer bleiben müssen. So macht man sich Freunde. So rettet man andere – und vielleicht auch sich selbst. So kann man verantworten, was man tut.


 

[1] H.-Ch. Binswanger, Die Wirklichkeit als Herausforderung. Grenzgänge eines Ökonomen, Hamburg 2016
[2] Binswanger, S. 54

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