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SWR1 3vor8

 (Sir 27, 30 – 28,7)

Groll, Zorn und Rache. Darum geht es in einem der Texte, die heute in den Katholischen Kirchen gelesen werden. Von Jesus Sirach, einem Weisheitslehrer aus dem Alten Testament der Bibel hört man 2200 Jahre alte Worte. Sie sind heute noch gültig und zeugen von einem tiefen Einblick in die Seele des Menschen. Jesus Sirach nennt Groll, Zorn und Rache Sünde. Und hält Vergebung für die Pflicht eines gottgläubigen Menschen. Und das in einer Gesellschaft, in der das Gesetz der Blutrache gegolten hat! Eine solche Haltung war so radikal wie revolutionär. Denn Sünde wurde und wird bis heute verstanden als in sich falsches Verhalten. Als falsches Verhalten gegen sich selbst, gegen Andere und gegen Gott. 
Und was ist nun das falsche Verhalten mir selbst gegenüber, wenn ich Groll, Zorn oder Rachegedanken hege? Ich denke, dass ich mir selbst schade, wenn ich zu lange zerstörerische Gedanken in mir trage. Sie nagen und plagen, tun der Seele nicht gut. Ein in sich falsches Verhalten gegen den Mitmenschen ist es, weil ich den anderen belaste oder gar bedrohe. Womit ich mich über ihn stelle. Und ihn vielleicht quäle, wenn ich ihn zu lange in seiner Schuld belasse. Und zum dritten ist eine unerbittliche Haltung auch in sich falsches Verhalten gegenüber Gott. Weil er als ein unendlich Liebender und Gütiger gilt, von dem ich fehlbarer Mensch ja auch Barmherzigkeit erhoffe. Und in dessen Barmherzigkeit ich mich einbette, wenn ich sie auch meinen Mitmenschen gegenüber habe.
Jesus Sirach hat noch ein letztes Argument nicht in Groll, Zorn oder Rachesucht zu verbleiben: „Denk an das Ende“. Also schau Dir Dein Leben aus der Perspektive des Todes an. Wie klein, unnütz und unsinnig doch viele Auseinandersetzungen sind. Angesichts unserer so begrenzten wie kostbaren Lebenszeit…
Schöne Worte leicht gesagt könnte man einwenden. Denn es gibt Verletzungen, die so
schwerwiegend und tief sind, dass man den Groll, den Zorn oder die Rachegefühle einfach nicht los wird. Ich weiß, dass man Vergebung nicht erzwingen kann und darf. Sie braucht ihre Zeit. Und die Reue dessen der um Vergebung bittet. Wenn aber Vergebung geschieht, dann gibt es eine doppelte Befreiung: der eine wird befreit von der Last seiner Schuld. Und der andere von der Last seines Grolls, seines Zorns und seiner Rachegefühle.

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