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SWR1 3vor8

Du Opfer!“ rufen manche Jugendliche einander verächtlich nach. „Du Opfer!“ ist für sie ein schlimmes Schimpfwort. Opfer: Das sind die, die sich nicht wehren können. Die sich alles gefallen lassen müssen. Die zu schwach sind, um mit den anderen mithalten zu können.

Opfer zu sein ist schlimm. Opfer können einem bestenfalls leidtun. Meistens werden sie verachtet. Der kriegt nichts auf die Reihe. Der ist gescheitert. Wer sich als Opfer fühlen muss, der kann sich oft nicht mal mehr selbst achten. Das ist vielleicht das schlimmste dabei. Menschen möchten ja Anerkennung finden und respektiert werden. Aus eigener Kraft klarkommen. Sich selber helfen können. Es zu etwas bringen, aus eigener Kraft. Bloß kein Opfer sein.   

Heute, am Karfreitag steht ein Mann im Mittelpunkt, der ein Opfer war. Jedenfalls in den Augen der anderen. Im Lukasevangelium wird erzählt, wie es Jesus gegangen ist, als man ihn gekreuzigt hat. Die Schaulustigen lachen über ihn und spotten: „Er hat anderen geholfen. Wenn er wirklich Gottes Sohn ist, soll er sich jetzt selber helfen!“ (Lk 23, 35) Genauso sagen es die Soldaten, die dabei sind und auch die anderen Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt werden.

Jesus steht jetzt da wie all die anderen Opfer. Wie all die Verlierer, die ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen und denen der anderen schon gar nicht. Er steht da, wie die Kinder, die die Erwartungen ihrer Eltern nicht erfüllen. Wie die Väter und Mütter, die mit ihrem Traum von heiler Familie gescheitert sind. Wie die Versager, die große Pläne hatten und dann kam alles ganz anders.

Jesus konnte sich am Ende wirklich nicht mehr helfen. Er war ein Opfer. Aber: an Gott hat er festgehalten. Und an dem, was er selbst vorher den Verlierern und Versagern und Gescheiterten gesagt hatte. Gott lässt keinen fallen, dem es so geht. Er steht denen bei, die zu Opfern werden. „Vater, in deine Hände gebe ich mein Leben!“ hat Jesus gebetet. Da hat der Hauptmann der Wache unter dem Kreuz gespürt: „Dieser Mensch hat wirklich ganz und gar so gelebt, wie Gott es will!“ (Lk 23, 47, Basisbibel) Ich glaube, diesen Satz hat die Bibel für uns festgehalten. Für sie und mich. Und für die Momente, in denen wir nichts weiter sind als hilflose Opfer.

Auch dann gilt:“ Dieser Mensch hat so gelebt, wie Gott es will!“ Denn eines ist klar: „Opfer“ ist für Gott kein Schimpfwort. Er beurteilt einen Menschen nicht danach, was er geschafft hat und ob er sich durchsetzen kann. Er beurteilt einen nicht danach, ob er Fehler gemacht oder versagt hat. Gott steht auf der Seite der Opfer.

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Palmsonntag. Der Sonntag vor Ostern. Zur Zeit Jesu ist das der Tag, an dem die gläubigen Juden nach Jerusalem gehen. Ins Zentrum des Glaubens, zu den heiligen Stätten. Aber eben auch dorthin, wo die große Politik gemacht wird. Wo entschieden wird über richtig und falsch, über Leben und Tod. Jesus und sein Freundeskreis gehen auch nach Jerusalem. Obwohl klar ist: Dort werden nicht nur Sympathisanten auf sie warten. Von denen, die jetzt das Sagen haben, braucht keiner so einen Volksprediger. Von dem gesagt wird, dass die einfachen Menschen ihn lieben. Weil er sie liebt, weil er die Kranken heilt, weil er den Sündern vergibt, weil er sich nicht für etwas Besseres hält.

Ich habe mich oft gefragt, weshalb Jesus nach Jerusalem geht am Palmsonntag. Und damit in sein Unglück läuft. Sehenden Auges. Warum ist er nicht am See Genesareth geblieben, in der Sommerfrische und hat gebadet und Fisch gegessen? Mit denen, die ihn verstehen, die ihn lieben und gerne den Visionen nachhängen vom wahren Glück? Jesus  weiß doch, was es bedeutet, sich den Mächtigen in den Weg zu stellen. Das passiert in Jerusalem von ganz alleine. Er braucht dazu nicht einmal etwas Aufregendes zu tun. Seine bloße Anwesenheit macht Wirbel. Hosannah dem Sohne Davids (Mt 21,9) rufen sie Jesus zu, und schwenken dazu Palmwedel als wären es Fahnen. So etwas bleibt nicht unbemerkt und nicht ohne Konsequenzen. Spätestens jetzt ist Jesus nicht mehr nur der harmlose Wanderprediger. Jetzt wird es ernst. Wer Jesus begegnet, muss sich entscheiden. Weil Jesus ihn mit seinem Innersten konfrontiert. Aufs Jenseits zu warten oder sofort mit der Liebe anzufangen statt auf Gewalt zusetzen. Die Rabbiner und die Priester im Tempel müssen sich entscheiden, Herodes und Pontius Pilatus, Maria Magdalena und Petrus und Judas.

Ich glaube, Jesus war sich im klaren darüber, dass zuerst er selbst an einer Entscheidung nicht vorbei kommt. Irgendwann steht sie ohnehin an. Was er zu sagen hat, kann nicht verborgen bleiben. Wenn nämlich Gott durch Barmherzigkeit die Welt verändern will, dann betrifft das alle.  Und da hat er wohl gedacht: Ja, jetzt ist die Zeit für Jerusalem, fürs Zentrum, auch für die Konfrontation mit dem, wie dort sonst verfahren wird - wie man mit den Armen umgeht, wie wichtig es ist, Macht zu haben. In Jerusalem stellt Jesus sich auf alles ein. Auch auf das Ans Kreuz mit ihm! (Mt 27,22), das er wenige Tage später zu hören kriegen wird, und das ebenfalls zum Palmsonntag gehört. Er wird beiden Extremen begegnen: dem Freudentaumel und der Todesangst. Dort wird sich zeigen, ob der Glaube an Gott sich bewährt. Jesu Glaube damals und meiner heute.

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