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SWR1 3vor8

Zweiter Sonntag im Jahreskreis A (Jes 49,3.5f.)

Wenn es um Gott geht, stellen sich viele Menschen die Frage: „Was bringt’s denn, wenn ich an ihn glaube?“ Ich finde es gut, dass sie das tun. Wer glaubt, muss überzeugt sein und begründen können, an was er glaubt. Früher hat die Kirche einfach dazu gehört. Der Glaube war eine traditionelle Selbstverständlichkeit, die meistens nicht in Frage gestellt worden ist. Ich bin überzeugt, dass man heute so nicht mehr glauben kann, und selbst, wenn es ginge, wollte ich dahin nicht mehr zurück. Bei allem, was ich tue, achte ich darauf, dass es möglichst einen Sinn gibt, dass es sich lohnt, für andere und für mich.

Genau so ist es bei Gott auch. Ich glaube auch an ihn, weil mir das etwas bringt.Und was bringt er mir? Gott hilft mir. In ganz verschiedenen Situationen meines Lebens habe ich das gespürt. Es tut gut zu wissen, dass er mich liebt wie sein Kind. Er macht meine dunklen Tage ein bisschen heller. Er lässt mich nicht am Tod verzweifeln. Wenn ich Angst habe, kann ich mich an ihm festhalten. Ja, das ist wahrscheinlich das Wichtigste an meinem Glauben: Ich habe in Gott einen Anker, einen, der mich stärker sein lässt, als ich es aus eigener Kraft könnte.

Mit dieser Erfahrung bin ich nicht allein. An vielen Stellen der Bibel wird berichtet, dass es einem Menschen so geht. Zum Beispiel dem Knecht Gottes, von dem der Prophet Jesaja in seinen Liedern erzählt. Heute wird das zweite Gottesknechtslied in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen. An einer Stelle sagt dieser Knecht Gottes von sich selbst:  So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke (Jesaja 49,5). Er kann das sagen, weil er im Laufe der Zeit gelernt hat, dass er sich auf Gott verlassen kann. Gott mutet ihm viel zu. Die Leute machen sich über ihn lustig, über sein Aussehen zum Beispiel. Sie schenken dem keinen Glauben, was er von Gott erzählt. Sie halten ihn für eine Witzfigur. Aber das hindert ihn nicht daran, Gott treu zu bleiben. Umgekehrt spürt er auch, dass Gott an ihm festhält. Und das macht ihn stark.

Bis heute gibt es Menschen, die sich darauf verlassen. Dass Gott stark ist und sie selbst stark macht. Auch wenn andere sie angreifen und schlecht machen. Es kommt mir so vor, als ob unsere Bundeskanzlerin sich auch darauf verlässt. Es imponiert mir, wie sie an ihrer Entscheidung in der Flüchtlingsfrage festhält: Wer in Not ist und zu Recht Hilfe sucht, dem wird geholfen. Egal, wie viele es sind. Ohne Obergrenze. Das ist eine Grundauffassung des christlichen Glaubens! Dafür bekommt Angela Merkel am 1. Februar den Eugen-Bolz-Preis in Stuttgart verliehen. Für praktizierte christliche Verantwortung in der Politik. Merkel hat für ihre Beständigkeit in dieser Frage viel Kritik einstecken müssen. Und sie hat große Stärke bewiesen. Ohne dauernd auf den politischen Erfolg und ihre persönliche Beliebtheit zu achten. Damit steht sie für mich in bester christlicher Tradition.

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