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SWR1 3vor8

Dritter Advent A (Mt 11,2-11)

Immer öfter stelle ich mir diese Frage: „Was habt ihr denn erwartet?“ Ich stelle sie mir dann, wenn ich in einem Gespräch spüre, dass mein Gegenüber sich einen Mann der Kirche ganz anders vorgestellt hat. Strenger, ruhiger, frömmer.

Ich komme auf diese Frage, weil heute eine ganz ähnliche in den katholischen Kirchen zu hören ist. Sie steht am Dritten Advent im Zentrum des Evangeliums: Was habt ihr denn sehen wollen? (Matthäus 11,7). Jesus stellt diese Frage dreimal den Menschen, die ihm beim Predigen zuhören. Die sind nämlich höchst verunsichert. Von einer religiösen Autorität ihrer Zeit: Johannes der Täufer. Der sitzt im Gefängnis. Der Mann, von dem sie zuerst gedacht hatten, dass er der Messias sei, dass mit ihm eine neue Zeit anfange.

Johannes hat sie beeindruckt. Weil er sie an die Propheten früherer Tage erinnert. Aber auch irritiert: weil er ganz einfach lebt, ein Bußprediger, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Dass er jetzt allerdings im Gefängnis gelandet ist, ein von Gott gesandter Prophet...? Das verstehen sie nicht. Jesus weiß: Das wird nicht die letzte Verunsicherung sein, der sich die Leute stellen müssen. Wenn sie sich ihm anschließen, wird mehr auf sie zukommen. Deshalb kann er ihnen die Konfrontation nicht ersparen: Was habt ihr denn erwartet? Einen Revolutionär, einen Superstar, einen König mit Purpurmantel?

Mit solchen Vorstellungen hatte schon der Täufer Johannes nichts am Hut. Und Jesus hat damit vollends aufgeräumt. Was mit Gott zu tun hat, zeigt sich nicht an Äußerlichkeiten. Ob ein Mensch von Gott begeistert ist, auch nicht. Das verunsichert die Menschen aber. Sie hätten es gerne, so wie sie es gewöhnt sind. Eindeutige Merkmale der Stärke und Macht, damit sie leicht unterscheiden können: klare Worte, Herrschaftszeichen, Inszenierung. Viele Zeitgenossen erwarten das heute wie eh und je. In einer Welt, wo Schönheit und Stärke eine so übermächtige Rolle spielen.

Für die Christen ist Jesus der Messias, der Erwählte Gottes. Er ist aber gleichzeitig auch ein Fremder, ein Flüchtlingskind, ein Unbekannter. Er hat keine prominente Herkunft und schätzt keine äußere Inszenierung. Am Ende wird auch er gefangen genommen und getötet. Am Kreuz. Das ist der Höhepunkt aller Verunsicherung. Ein Skandal!

Was habt ihr denn erwartet? Das nicht. Gott macht es aber so: anders. Und er wählt andere Typen aus für seine Sache. Gegen allen Augenschein, gegen all zu menschliche Erwartungen.

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