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SWR1 3vor8

„Selig sind die Menschen, die um ihre Grenzen wissen und nicht alles haben müssen. Selig sind die, die Trauer und Schmerz nicht überspielen, sondern aushalten. Selig sind die, die in Konflikten und Streitigkeiten nicht verletzend und polarisierend sind.“ Heute sind in den Katholischen Kirchen die sogenannten Seligpreisungen zu hören. Sie sind wie ein Programm Jesu, das beschreibt, wie Menschen gut, glücklich, heil und heilsam leben können. In der Version, die ich zu anfangs zitiert habe, sind sie in die Sprache von Heute übersetzt und gehen folgendermaßen weiter:

„Selig sind die, die sich nicht zufriedengeben mit dem Status Quo, sondern eine gerechte Welt für alle wollen.

Selig die Menschen, die wohlwollend und versöhnungsbereit denen begegnen, die Fehler gemacht haben. Selig sind die, die wahrhaftig sind und ohne Hintergedanken.                             Selig die Menschen, die helfen Wege zum Frieden zu finden mit anderen und mit sich selbst. Und selig sind die, die Verfolgung in Kauf nehmen weil ihnen Gerechtigkeit wichtig ist.“ Besonders bei den beiden letzten Seligpreisungen muss ich an einen Pater denken, dessen Kloster in Syrien von IS Schergen zerstört wurde. Er heißt Jacques Mourad und wurde nach der Zerstörung seines Klosters vom IS entführt. Täglich wurde ihm gedroht, dass ihm der Kopf abgeschlagen wird, wenn er nicht zum Islam übertritt. Mit Hilfe eines muslimischen Freundes gelang ihm die Flucht. In einem Interview, in dem er danach gefragt wurde, wie denn die Weltgemeinschaft auf den IS reagieren sollte, hat er geantwortet: “Mit einer Revolution gegen die Gewalt. Nur so kann die Welt Frieden finden. Und ich als Christ will ein Werkzeug des Friedens sein.“

Soweit Pater Mourad. Es fällt mir schwer, mich gegen die furchtbare Gewalt der IS Barbaren nicht auch mit Gewalt wehren zu wollen. Heute ist Allerheiligen. Ich halte Pater Jacques Mourad für einen modernen Heiligen, der die Seligpreisungen Jesu so konsequent lebt, dass es mich beeindruckt und schreckt. Denn ich weiß nicht, ob ich das könnte, aber ich weiß, wie Recht er mit seiner Friedfertigkeit hat.

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Warum war der christliche Glaube eigentlich immer wieder attraktiv? Warum sind Menschen Christen geworden? Damals vor 2000 Jahren zB. Was hat Menschen überzeugt, an Jesus zu glauben, der doch am Kreuz umgekommen ist.
Als Religionsfeind und Staatsfeind. Wenn man sich zu ihm bekannt hat, gab es Anfeindungen, man konnte Schwierigkeiten bekommen im Beruf: Es war kein Spaß, damals Christ zu werden und zu sein. Was hat es trotzdem attraktiv gemacht?

Ich glaube, eine Antwort steckt in den Zeilen, die heute in den evangelischen Kirchen im Mittelpunkt stehen. Paulus hat sie geschrieben an die Christen in der griechischen Stadt Philippi.
Für ihn hat ein Christ so etwas wie eine „doppelte Staatsbürgerschaft.“ Aber nicht bloß in dem Sinn, dass man neben dem deutschen - sagen wir- auch noch einen amerikanischen Pass hat. So eine Alternative wäre Paulus zu wenig.
Er hat gemeint: Als Christ ist man Erdenbürger mit Bürgerrecht im Himmel. Wörtlich schreibt er:

Viele leben ja ganz anders als wir. …Sie haben nur das Irdische im Sinn! .Ihr Bauch ist der Gott, den sie verehren. Und was eigentlich schändlich ist, darauf gründen sie auch noch ihr Ansehen. Wir dagegen haben schon jetzt Bürgerrecht im Himmel.

Was ist attraktiv daran, wenn man quasi schon einen Fuß im Himmel hat? Es gibt dem Leben Weite und Aussicht. Mich belebt das, dass ich glauben und hoffen kann, dass es hinter dem Horizont des Todes himmlisch wird. Das nimmt mir ein Stück weit die Angst.
Aber diese doppelte Bürgerschaft ‚Erdenbürger mit Himmelsrecht‘ spürt man nicht erst nach dem Tod. Sie wirkt jetzt schon.
Es wäre Paulus zu wenig, wenn ich mein Leben nur an meinen „Bauchbedürfnissen“ orientieren würde. Das wäre zu wenig Leben im Leben. Wir Menschen haben nicht nur materielle Bedürfnisse. Klar sind sie wichtig und essen und genießen tue ich auch gern. Aber:

Was, wenn nur mein „Bauch“ mein Leben bestimmen würde. Dann würde der Rest verkümmern: Die Seele, der Geist. Und unser Miteinander leidet auch, wenn jeder nach seinen „Bauchbedürfnissen“ lebt. Wer nur für sich und seinen „Bauch“ sorgt, macht der sich noch für Gerechtigkeit stark? Ich fürchte, so eine Lebenseinstellung macht Menschen nicht schön.
Paulus stellt sich das Leben anders vor:

Wenn man weiß, man ist Erdenbürger mit Himmelsrecht, das verändert: Man hat Zukunft über den Tod hinaus. Man pflegt auch die Seele. Dann sieht man die anderen neben sich. Sorgt sich, auch um Menschen in der Ferne. Das macht es für mich attraktiv, Christ zu sein: Erdenbürger mit Bürgerrecht im Himmel.

 

17Folgt meinem Vorbild, Brüder und Schwestern.
Nehmt euch ein Beispiel an denen, die so leben, wie ihr es an uns beobachten könnt.

18Denn viele leben ganz anders. Ich habe euch schon oft vor ihnen gewarnt, und auch jetzt kann ich nur unter Tränen schreiben:
Sie sind Feinde des Kreuzes von Christus!

19Am Ende erwartet sie das Verderben! Ihr Bauch ist der Gott, den sie verehren. Und was eigentlich eine Schande ist, darauf gründen sie ihr Ansehen. Sie haben nur das Irdische im Sinn!

20Wir dagegen haben schon jetzt Bürgerrecht im Himmel. Von dort her erwarten wir auch den Retter, den Herrn Jesus Christus!

21Er wird unseren armseligen Leib verwandeln, sodass er seinem eigenen Leib gleicht – dem Leib, der die Herrlichkeit Gottes sichtbar werden lässt. Dazu hat er die Macht – wie er auch die Macht hat, sich alles zu unterwerfen.

Phil 3, 17-21

 

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