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SWR1 3vor8

Achtundzwanzigster Sonntag im Jahreskreis C (Sir 35,15b-17.20-22a)) 

„Was hat denn Gerechtigkeit mit Gott zu tun?“ Das hat mich ein Schüler der zwölften Klasse gefragt. Wir behandeln gerade das Thema Soziale Gerechtigkeit. Im ersten Augenblick war ich ein bisschen platt. Liegt das nicht auf der Hand? Was Gott tut, ist automatisch gerecht, sogar wenn wir es nicht verstehen. Gott will, dass es in seiner Schöpfung gerecht zugeht. ER will Gerechtigkeit und Recht für alle. Weil ich aber als „guter“ Lehrer die Anliegen meiner Schüler ernst nehme, habe ich eine Antwort darauf versucht. Trotzdem: Der Schüler blieb etwas ratlos zurück, glaube ich, und der Rest der Klasse auch. Ob ich womöglich die Abgründe der Frage gar nicht erfasst hatte? So ein Verdacht hat mich noch am Ende der Schulstunde beschlichen. Und als ich mich mit den biblischen Lesungen näher beschäftigt habe, die heute in den katholischen Gottesdiensten dran sind, ist mir die Tragweite der Schülerfrage erst richtig/vollends bewusst geworden: Was hat denn Gerechtigkeit mit Gott zu tun?

In der alttestamentarischen Lesung aus dem Buch Jesus Sirach heißt es heute: Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken, es ruht nicht, bis es am Ziel ist. Es weicht nicht, bis Gott eingreift und Recht schafft als gerechter Richter. (Jesus Sirach 35,21f.) Er könnte ja das gemeint haben, mein Schüler: dass er so viel Leid auf unserer Welt sieht, so viel Not und Armut, und sich dann fragt, wo bei alledem Gott ist. Hier auf der Welt gibt es alles, aber bestimmt keine Gerechtigkeit. Das ist eine der Fragen, die sich immer und überall stellt, wo an Gott geglaubt wird. Kann es Gott überhaupt geben, wenn so viel Ungerechtes geschieht in seiner Welt?

Ich kann heute drei Punkte festhalten. Sie geben keine abschließende Antwort, aber es sind Argumente. Und die will ich auch meinen Schülern in der Zwölften noch nachreichen.

Erstens. Wenn’s um Gerechtigkeit geht, müssen wir nicht gleich nach Gott rufen, sondern bei uns selbst anfangen. Vieles, fast alles, was schief läuft, ist vom Menschen selbst verursacht. Ungerechtigkeit entsteht dort, wo wir zuerst und nur an uns denken, und den anderen vergessen. Beim Autofahren, beim Einkaufen, am Arbeitsplatz, in der Schule.

Zweitens. Gottes Plan ist ein anderer. Er will, dass es gerecht zugeht auf seiner Welt. Und besonders nahe geht es ihm, wenn Schwache und Arme leiden. Es kommt mir so vor, als ob er dann selbst mitleidet.

Drittens. Es ist noch nicht zu spät. Gott hat offenbar eine hohe Meinung von uns. Noch traut er uns zu, dass wir es besser machen. Für mehr Gerechtigkeit sorgen. Es macht mir Mut, dass er uns so vertraut. Und dieses Vertrauen will ich unbedingt weitergeben - gerade an meine Schüler.

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