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SWR1 3vor8

(Lk 14,1.7-14)

Wer heute am katholischen Gottesdienst teilnimmt, wird mit einem folgenschweren Satz konfrontiert. Er lautet: Wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. (Lukas 14,13) Ich lade gerne Leute zu einem Essen zu mir ein. Aber Lahme und Blinde sind so gut wie nie dabei.

Wenn ich das so sage, ertappe ich mich dabei, wie ich mich eingerichtet habe in einem bürgerlichen Leben. In meiner kleinen heilen Welt. Um so heftiger trifft mich das, was Jesus sagt: Wenn du (...) ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Jesus hat diesen Satz gesagt, als er selbst zu einem Essen eingeladen war - als Bekannter eines führenden Pharisäers, also eines gläubigen Juden, der in der Gemeinde etwas zu sagen hatte. Da hat sich offensichtlich alles so abgespielt, wie wir es kennen. Die Tischordnung ist besonders heikel: Wer sitzt wo und neben wem? Welche Empfindlichkeiten gilt es dabei zu berücksichtigen? Und welche Fragen von Rang und Namen? Dass es unter gottesfürchtigen Menschen genau so zugeht wie überall, muss Jesus ziemlich geärgert haben. Das widerspricht dem, was Gott will, und da kann er den Mund nicht halten.

Jesus geht es gar nicht darum, dass ich (wie der Pharisäer) meinen Freundeskreis anders besetzen müsste. Er will viel mehr: Ich soll die nicht übersehen, die ich überhaupt nicht in die engere Wahl ziehen würde. Gerade die anderen: die Fremden, die, an denen ich vorbei laufe, ohne sie überhaupt wahrzunehmen; die, von denen ich nichts zu erwarten habe: keine Gegeneinladung, kein Lob. Eben keine heile Welt.

Für Jesus ist das der Knackpunkt bei der Sache. Er will verhindern, dass ich in der üblichen Abfolge von Geben und Nehmen stecken bleibe. Er spornt mich an, weiter zu sehen, über die vier Wände meiner Wohnung hinaus. Nicht nur, wenn ich Gäste eingeladen habe. Dass Menschen bewertet, nach oben und unten eingeteilt werden, kann man überall beobachten. Schüler machen das untereinander in ihrer Klasse. Berufstätige am Arbeitsplatz. Und auch vor der Kirche, vor den Gemeinden macht dieses Denken nicht halt. Oft genug fallen die mit einer Schwäche oder einem Handicap unten durch. Hier mag das Geben und Nehmen scheinbar ganz gut funktionieren. Aber vor Gott reicht es nicht aus. Er rechnet anders - eben mit den Armen, Krüppeln, Blinden und Lahmen. Wer beginnt, auch so zu rechnen, der verändert die Welt.

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