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SWR1 3vor8

Kol 3,2

„Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!“ Das ist so ein biblischer Satz, der häufig missbraucht wird. Er steht im Brief des Apostels Paulus an die Kolosser und wird heute in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen. Missbraucht wird dieser Satz, wenn damit die Menschen vertröstet werden. Nach dem Motto: Wenn du hier auf der Erde zu denen gehörst, die immer zu kurz kommen, mach Dir nichts draus. Denk an den Himmel, da wird dir alles vergolten werden. „Richte deinen Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische.“ Besonders schlimm, wenn solche Sätze von denen gesagt werden, die die Macht und das Geld haben. Wo das passiert, kann ich den Vorwurf von Lenin, „Religion sei Opium für das Volk“ gut nach vollziehen. Und sind wir ehrlich: Mit dem Hinweis auf den Himmel hat die Kirche lange Zeit die Armen und Rechtlosen ruhig gestellt, sie vertröstet und damit den Mächtigen gedient.  Und bei den islamischen Hasspredigern, die heute junge Leute mit dem Hinweis auf den Lohn im Himmel zu Selbstmordattentäter machen, läuft die Geschichte ähnlich ab.

Leider sind biblische Sätze vor Missbrauch nicht geschützt. Um zu verstehen, was sie meinen, muss man sich immer den Kontext anschauen, in dem sie geschrieben wurden.  Paulus stellt in diesem Abschnitt im Kolosserbrief den alten gegen den neuen Menschen. Der alte Mensch orientiert sich für Paulus am Irdischen, an Macht, Reichtum und Einfluss, das sind seine Werte. Der neue Mensch, der Getaufte, der sich an  Jesus Christus orientiert, der richtet sich am Himmel aus. Und das heißt: Friede, Gerechtigkeit und die Gleichheit aller Menschen, das sind seine Werte. Und zwar nicht für ein Leben in Zukunft oder gar nach dem Tod, sondern für das Leben hier und jetzt. Für das, was ich heute zu tun oder auch zu lassen habe. „Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische“ bedeutet deshalb: Den Himmel im Kopf zu haben aber mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen. Es geht darum, sich hier auf der Erde für den Himmel einzusetzen. So viel Himmel wie möglich, für so viele Menschen wie möglich, auf die Erde zu holen. Der Himmel ist keine einseitig jenseitige Geschichte, die sich erst nach dem Tod abspielt, sondern der Himmel geschieht bereits jetzt hier auf der Erde. Und zwar überall, wo Menschen das Leben und das, was zum Leben notwendig ist, miteinander teilen. Und es lohnt sich, seinen Sinn daran aufzurichten.

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