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SWR1 3vor8

Als Zivi habe ich eine alte Frau kennengelernt. Die hat mich damals sehr beeindruckt. Vor allem, weil sie so lebensfroh war. Es war absehbar, dass sie nicht mehr lange leben würde. Das fand sie aber nicht weiter schlimm. Das heißt: Vor dem Sterben selbst hatte sie natürlich Respekt. Aber dem, was danach kommen würde, hat sie gelassen entgegen geblickt. Sie war sich sicher, dass Gott zu ihr hält. Auch nach dem Tod.

Ich habe mich immer gefragt, wie sie das konnte? Ich glaube sie hatte erlebt, dass Gott sie liebt. Sie hatte in ihrem langen Leben viel mitmachen müssen. Als Kind und junge Frau zwei Weltkriege. Und auch danach war nicht alles rosig. Ein Kind wurde nach der Geburt schwer krank und ist früh gestorben. Aber die Frau hat anscheinend trotzdem immer gespürt, dass Gott sie nicht im Stich lässt. Bei ihm hat sie Halt gefunden. Und das hat sie geprägt. Deswegen hat diese alte Frau die Liebe Gottes auch gelebt. Sie hat zum Beispiel gelernt, trotz ihrer Fehler nachsichtig mit sich zu sein. Und sie konnte dann auch nachsichtig mit anderen sein. Zum Beispiel mit mir, wenn ich ein anderes Waschmittel gekauft habe, als sie wollte. Sie hat mir das nicht nachgetragen. Sie war gnädig mit mir. Deswegen bin ich beim nächsten Mal auch wieder ganz entspannt einkaufen gegangen. Ich musste mich nicht sorgen, dass ich was Falsches kaufen könnte.

In den letzten Tagen habe ich wieder häufiger an diese Frau gedacht. Das hat mit dem Bibelabschnitt zu tun, über den heute in den evangelischen Gottesdiensten gepredigt wird. Ein Johannes schreibt da in einem Brief an Mitchristen: „Die Liebe kennt keine Furcht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht.“ (1Joh 4,18a)

Bei der alten Frau war das so. Ich habe das damals als Zivi aber auch anders erlebt. Es waren nicht alle so nachsichtig, wenn was nicht wie gewünscht geklappt hat. Nicht mit mir und nicht mit sich selbst. Wenn ihnen ein Missgeschick passiert ist oder auch ein größerer Fehler:  Darüber sind manche ganz schwermütig geworden.

Bei der alten Frau war das anders. Sie konnte zu ihren Fehlern stehen – und hatte keine Angst vor dem Tod. Sie war sich sicher, Gott würde ihr auch dann gnädig sein. Sie wusste, Gott liebt sie.

Liebe verändert Menschen. Wenn zwei sich lieben, dann können sie Fehler verzeihen. Dadurch blühen sie auf. Haben keine Angst, Fehler zu machen. Bei der alten Frau habe ich erlebt: Gottes Liebe verändert die Menschen genauso. Er trägt einem die Fehler nicht nach. Ich blühe auf, wenn ich das erlebe. So wie bei der alten Frau, die gnädig mit mir war.

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