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SWR1 3vor8

So wie es in der Bibel steht, ist es bei mir nicht abgelaufen: Wie ich Priester geworden bin. Manchmal fragt mich jemand danach, wie das bei mir war, dann kann ich bloß sagen: Mir hat keiner ins Ohr geflüstert: „Thomas, das machst du!“ Geschweige denn, dass eine Stimme von oben unüberhörbar und deutlich etwas gesagt hätte. Es hat auch sonst keine besonderen Hinweise oder Zeichen gegeben. Alles eigentlich ganz unspektakulär: Abitur - Theologiestudium - Priesterseminar. Hin und wieder Prüfungen und Gespräche, ob ich geeignet bin, ein letztes Treffen mit dem Bischof. Sein Ja, und mein „Hier-bin-ich!“ Eine ganz normale Berufungsgeschichte im 20. Jahrhundert.

In den katholischen Gottesdiensten wird heute die Berufung des Propheten Jesaja erzählt. Da geht es anders zu. Der junge Jesaja macht eine gewaltige Erfahrung. Er begegnet Gott selbst im Tempel von Jerusalem. Und bei dieser Vision passiert ganz schön viel: Wesen mit drei Flügelpaaren treten auf. Sie stimmen einen so lauten Gesang an, dass die Wände wackeln. Der Tempel füllt sich mit dichtem Rauch. Dass Gott selbst da ist, ist bis in den letzten Winkel des Tempels zu spüren. Kein Wunder, dass Jesaja es mit der Angst zu tun kriegt und am liebsten alles von sich weisen würde, was irgendetwas mit Gott und ihm zu tun hat. Aber Gott will gerade ihn. Keinen anderen. Jesaja bringt Ausreden vor, aber die lösen sich rasch auf. Am Ende hat er verstanden, dass es einen Auftrag zu erfüllen gilt und dass Gott ihn dazu ausgesucht hat: Ja. „Hier bin ich, sende mich!“ (Jes 6,8)

Wenn ich das so höre, dann ist es bei mir doch gar nicht so anders gewesen. Die äußeren Umstände haben sich verändert im Laufe der Jahrhunderte. Spektakuläre Zeichen gab es bei mir nicht. Ich will mich auch gar nicht mit einem Propheten vergleichen. Aber dass Gott etwas von mir wollte, das hab ich als junger Mann gespürt. Ich sollte etwas in seinem Namen, in seinem Geist tun. Für die Kranken und Alten da sein, und gute Worte finden für die, die den Mut zum Leben verloren hatten. Ich wollte immer wieder ein Fest feiern, und dabei davon singen, dass es Gott gibt, damit die Leute ihn nicht vergessen. Schon als junger Mann war ich fasziniert von Jesus und der Freiheit, die von ihm ausgeht. Die Lieder und Geschichten, die von ihm erzählen, haben mich ganz innen berührt. Bis heute weiß ich: dass ich da sein will, ja da sein muss, wo ich in seinem Sinn gebraucht werde. Und das ist dann doch ziemlich ähnlich wie bei Jesaja in der Bibel.

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