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SWR1 3vor8

Wie viel Wahrheit über mich vertrage ich? Ich bin eher empfindlich. Wenn mir so eine Wahrheit unangenehm ist. Und Sie?
Andersrum gern: Wenn mich jemand lobt, das lass ich mir gern gefallen. Und ich hoffe, Sie können das auch. Das ist ja auch nicht selbstverständlich. Ich kenne Menschen, die haben Lob verdient aber können es nicht annehmen. Wenn Sie zu denen gehören: Gewöhnen Sie sich das ruhig ab. Ein Lob, das nicht geheuchelt ist. Das soll man sich in Gottes Namen auch sagen lassen.
Aber noch mal zu den Wahrheiten, die unangenehm sind. Die halten mir einen Spiegel vor und das Bild, das ich da von mir sehe, gefällt mir nicht. Das halt ich nicht gut aus.
Und ich glaube: Vielen geht das heute so: Wir wollen sowas lieber nicht hören. Es ist schöner, wenn man ein schönes Bild von sich gezeigt bekommt. Nach dem Motto: „Ich bin oK und Du bist oK.“ Darum wird oft über das, was nicht oK ist, der Mantel des Schweigens gelegt. Manche sagen: So zu schweigen über unangenehme Wahrheiten, das sei christlich.
Die Passage aus der Bibel, die heute in den evangelischen Kirchen im Mittelpunkt steht, klingt da anders. Da heißt es: Das Wort Gottes ist schärfer als ein zweischneidiges Schwert. Es geht Seele und Geist auf den Grund. …Deshalb kann sich niemand vor Gott verbergen. Nackt und bloß liegt alles offen vor Gott.
Ich finde, diese Sätze gut. Auch wenn sie unangenehm klingen. Als würde der christliche Gott Menschen runter machen. Ich versteh das anders:
Es ist doch so: Wenn man mir eine unangenehme Wahrheit verschweigt, das finde ist vielleicht erst angenehm. Aber wenn ich nicht sehe, wie ich bin, kann ich mich auch nicht verändern. Und das ist viel schlimmer. Weil man mir die Chance nimmt, mich zu ändern. Weil man mir unangenehme Wahrheiten nicht zumutet oder ich weghöre.
Zu den scharfkantigen Wahrheiten des Christentums gehört es, dass ich ein Sünder bin. Sie auch. Ach Gott, was für ein Wort.
Aber es meint im Kern, dass ich am guten Leben immer wieder vorbei lebe. Manchmal gewollt, manchmal ungewollt.
‚Sünder‘: Im ersten Moment unangenehm. Aber es gibt eine zweite Wahrheit über mich, die diese Erste auffängt: Gott liebt mich, trotzdem. Darum ist es nicht nötig, mich zu verstellen.
Und darum ist auch unnötig, dass wir uns gegenseitig in Watte packen. Die Kunst ist, Kritisches so zu sagen, dass man es nicht abwehren muss. Sondern so, dass ich es annehmen kann und es Anstoß gibt, mich zu verändern. Christen glauben, das geht.

Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam.
Es ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch und durch – bis auf den Grund von Seele und Geist.
Und es schneidet durch Mark und Bein. Es urteilt über die Gedanken und die Einstellung des Herzens.
Deshalb kann sich niemand vor Gott verbergen.
Nackt und bloß liegt alles offen vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schuldig sind.
Hebräer 14,12-13

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