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SWR1 3vor8

Lk 3,1-6 (2. Adventssonntag)

Jetzt im Advent komme ich mir manchmal wie ein Spielverderber vor. Draußen vor der Kirche ist Weihnachtsmarkt. Es duftet nach Plätzchen, Glühwein und Bratwurst. Alles ist schön geschmückt und beleuchtet. Die Menschen treffen sich, reden, lachen, scherzen und trinken Glühwein. Man feiert und ist fröhlich. Und drinnen, bei uns in der Kirche läuft ein Kontrastprogramm. Es werden bewusst keine Weihnachts- sondern Adventslieder gesungen und die sind eher getragen und traurig. Und die Bibelstellen, die in den Gottesdiensten vorgelesen werden, verbreiten Weltuntergangsstimmung und die Leute werden zu Buße und Umkehr aufgerufen. So auch heute in den katholischen Gottesdiensten, da tritt nämlich Johannes der Täufer auf, ein klassischer Bußprediger. „Kehrt um, verändert euer Leben“ fordert er von den Leuten. „Und nur wenn ihr das tut, bereitet ihr dem Herrn den Weg, sorgt ihr dafür, dass Gott ankommt in dieser Welt.“ Johannes der Täufer ist ein Asket, er lebt in der Wüste und ernährt sich von Heuschrecken und wildem Honig. Zu Weihnachtsmarkt, Lebkuchen, Glühwein und Bratwurst passt er ganz und gar nicht.

Ich bin kein Asket und eigentlich mag ich es zu feiern und fröhlich zu sein. Und ich gebe zu, ich gehe auch gern über den Weihnachtsmarkt und es ist schön, mit Freunden oder Kolleginnen einen Glühwein zu trinken. Und deshalb fällt es mir schwer, der Spielverderber zu sein, der den Leuten den Weihnachtsmarkt vermiest. Aber das muss ich auch nicht, weil ich weiß, dass das alles nur ein Spiel ist. Ein großes Theater, das wir da veranstalten. Die Häuschen vom Weihnachtsmarkt sind nur Kulisse einer heilen Welt, die es so gar nicht gibt. Wir dürfen Theater spielen, so lange wir die Wirklichkeit nicht vergessen. In der wirklichen Welt steuern wir auf eine Klimakatastrophe zu und die verantwortlichen Politiker schaffen es wohl wieder nicht, da gegenzusteuern. In der wirklichen Welt leiden Millionen von Menschen unter Hunger, Krieg und Terror und wir schaffen es im reichen Europa nicht, denen die davor fliehen, Schutz zu geben. In der wirklichen Welt gibt es auch bei uns im Wohlfahrtsstaat Deutschland viele Menschen, die nicht mithalten können, die arbeitslos oder wohnungslos sind. Die am Wohlstand unseres Landes nicht teilhaben.

Ich glaube, wenn Johannes der Täufer heute predigen würde, dann würde er uns auffordern in diesen Punkten umzukehren. Und so dem Herrn den Weg zu bereiten, dafür zu sorgen, dass Gott und seine Gerechtigkeit ankommt in dieser Welt. Weihnachtsmarkt mit Plätzchen, Bratwurst und Glühwein wären ihm wohl ziemlich egal.

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