Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR1 3vor8

– Hebräer 9,24-28   32. Sonntag im Jahreskreis (B)

„Christus wurde ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinweg zu nehmen.“ – Wenn ich so etwas lese, dann dreht sich alles in mir um - ein grausiger Gedanke. Immerhin steht das in einem Text, der heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist. 

Ich jedenfalls möchte mich von solchen Vorstellungen verabschieden. Schlimm genug waren damals die blutrünstigen Tieropfer im Tempel von Jerusalem: um Gottes Gunst zu erwirken und um Strafe abzuwenden. Doch dagegen wetterten bereits einige Propheten im alten Israel. Etwa der Prophet Hosea, wenn er anmahnt, was Gott will: „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer“ (6,6). Genau das greift später Jesus auf, wenn er kurz und bündig sagt: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Matthäus 9,13; 12,7). 

Äußerst befremdend ist es daher, wenn dieser Opfergedanke auch noch auf Jesus hin umgedeutet wurde. Ich vermute, es hat auch damit zu tun, dass eine große Anzahl von jüdischen Priestern den christlichen Glauben angenommen hatten (Apostelgeschichte 6,7). Sie waren natürlich mit Opfergaben vertraut. Daher liegt der Verdacht nahe, dass durch den Einfluss dieser Priester der Opfergedanke neu gedeutet und auf Jesus hin umgewandelt wurde. 

Opferideen entstammen seit jeher der religiösen Phantasie. Aber einen Opfertod Jesu auch noch Gott anzulasten, das ist unerträglich. Eine solche Vorstellung zu Ende gedacht – ist sadistisch. Was für eine Genugtuung hätte Gott dabei empfinden können? 

Wenn ich mit solchen Vorstellungen immer wieder meine Schwierigkeiten hatte, konnte ich mich an meinen theologischen Lehrer Eugen Biser wenden. Seine Antwort: „Man muss einen solchen Text einfach auf sich beruhen lassen.“ 

Folgt man den Evangelien, dann ist für Jesus Gott reine Liebe, bedingungslos Liebe. Und Jesu Leben kennzeichnet: barmherzig und gütig sein, vergeben bis zum Äußersten. Jesus hat seinen Tod am Kreuz weder gewollt noch gesucht. Wie er geredet und gewirkt hat - so viel Liebe konnte die politische und religiöse Elite nicht ertragen, das war ihnen zu gefährlich – deshalb brachten sie ihn um. 

Und wie reagiert Gott darauf? – Nach christlichem Glauben heißt seine Antwort auf Jesus: Auferweckung aus dem Tod – Leben in Gottes neuer Welt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20843