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SWR1 3vor8

Wer nicht gut hören kann, wird leicht einsam. Was soll ich ihr erzählen, sie versteht es ja doch nicht, sagen die anderen. Wer mag schon alles ein paarmal sagen und dabei auch noch schreien. Es ist schlimm mit ihr, sagen sie dann. Und die Betroffenen seufzen auch: Ja, es ist schlimm mit mir!
Ich stelle mir vor: Noch schlimmer ist es, wenn jemand gehörlos geboren ist und deshalb nur undeutlich oder gar nicht sprechen kann. Wer nichts hört, kann ja auch nicht richtig sprechen lernen.
Jesus hat so einen Menschen geheilt, der taub war und nicht sprechen konnte (Mk 7, 31-37). Das erzählt die Geschichte, über die heute in den evangelischen Gottesdiensten gepredigt wird. Der Mensch wird von Angehörigen gebracht die Mitleid mit ihm haben und für ihn sorgen. „Es ist schlimm mit ihm!“ werden sie vielleicht zu Jesus gesagt haben. Jesus, erzählt die Geschichte, nimmt den Mann beiseite. Dahin, wo es ruhig ist. Mit eindrücklichen Gesten wendet er sich ihm zu. Und er betet zum Himmel. Aber nicht etwa: „Öffne ihm die Ohren!“ Nein, Jesus betet „Tu dich auf!“ Der Himmel soll über diesem Menschen aufgehen! Wo sich alle zurückgezogen hatten, wie bei Regenwetter, soll der Himmel aufgehen. Dann kann man wieder zusammen kommen. Der Himmel soll aufgehen, auch über diesem Gehörlosen, mit dem es viele so schwierig finden. Ist das nicht bemerkenswert. Das eigentliche Wunder in dieser Geschichte? Auch er soll spüren, dass Gott für ihn da ist. Und dass er einen Platz hat in Gottes Welt. Er ist nicht überflüssig. Auch nicht eine Last für die anderen. Er ist ein Geschöpf Gottes.
Anscheinend begreift der hörgeschädigte und sprachbehinderte Mann das. Endlich einer, der nicht sagt: „Es ist schlimm mit ihm!“ Da heißt es, kann er richtig reden. So, dass ihn die anderen verstehen. Sie merken: Er ist wie wir. Man kann ganz normal mit ihm umgehen. Man kann ihm zutrauen, dass er sein Leben selbst in die Hand nimmt. Da wundern sich die Leute, heißt es am Schluss der Geschichte und sagen: „Er hat alles gut gemacht“ Wo sie vorher wahrscheinlich geseufzt haben und geklagt: „Wieso tut Gott uns das an?“, da sind sie jetzt froh: „Gott hat alles gut gemacht! Auch dieser Mensch ist ein ganz normaler Teil der Gesellschaft.“
Heute gibt es viele Möglichkeiten, Gehörlosen zu helfen. Es gibt großartige Hörgeräte, es gibt die Gebärdensprache, es gibt Gebärdendolmetscher. Viele Möglichkeiten, um Hörgeschädigte und Sprachbehinderte zu integrieren. Gott hat alles gut gemacht!
Vielleicht sollten wir weniger Mitleid haben – vor allem mit uns selbst - weniger seufzen und einfach mit ihnen reden – wie Jesus! Damit über uns der Himmel aufgeht.

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