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SWR1 3vor8

Dominus flevit – der Herr weint. So heißt eine kleine Kapelle auf dem Ölberg in Jerusalem. Hinter dem Altar befindet sich ein großes Fenster, durch das man die Jerusalemer Altstadt mit Grabeskirche und Felsendom sehen kann.
Dominus flevit – der Herr weint. Die Kirche erinnert an eine Episode aus dem Leben Jesu. An dieser Stelle hat er einmal gestanden und über die Stadt geschaut. Da ist er in Tränen ausgebrochen. Er hat Krieg und Zerstörung kommen sehen und klagt: „Wenn Du doch erkennen würdest, was zum Frieden dient!“ (Lk 19, 42) In den evangelischen Gottesdiensten wird heute über diese kurze Szene gepredigt.
Jesus weint über Jerusalem. Er ist traurig – weil Menschen so sind, wie sie sind. Unfähig Frieden zu halten. Jeder meint, er müsste sein Recht durchzusetzen. Jeder hat Angst, zu kurz zu kommen. Jeder denkt, er müsste sich verteidigen. So ist das bis heute. Es ist zum Weinen.
Ich habe vor vielen Jahren durch das große Fenster in dem kleinen Kirchlein auf Jerusalem geschaut und das ganz beklemmend gespürt: Ja, so sind wir Menschen. Sogar hier, in der Stadt, die für Christen, Juden und Muslime gleichermaßen heilig ist. Hier vielleicht erst recht.
Jesus hat damals über Jerusalem geweint. Und wahrscheinlich darf man auch sagen: Gott weint. Jesus hat ja gezeigt, wie Gott ist. Gott ist traurig darüber, wie die Menschen sind. Wie wir Menschen sind. Ich jedenfalls merke, wie ich immer wieder mal Öl ins Feuer gieße, statt Frieden möglich zu machen. Natürlich: Ich plane keine Anschläge und führe keinen Krieg. Aber ich beharre auf meinem Standpunkt. Ich mache dem anderen Vorwürfe. So fängt Streit an. Im Kleinen und im Großen.
An dieser kurzen Szene damals in Jerusalem sieht man: Jesus war nicht so. Jesus macht niemandem Vorwürfe. Er beschuldigt nicht die einen und nimmt die anderen in Schutz. Er verflucht die nicht, die unfähig sind zum Frieden. Er ist traurig.
Manchmal denke ich: Daran müsste man sich ein Beispiel nehmen. Egal ob es um das heutige Jerusalem und Israel geht oder um die Trennung eines befreundeten Paares, um den Streit zwischen Nachbarn oder die Fremdheit zwischen Flüchtlingen und Einheimischen.. Dann nicht mit dem Finger zeigen und sagen: „Selbst schuld!“  Oder: „Das habe ich doch gleich gesagt!“ Sondern: „Es tut mir leid. Ich bin traurig, dass es so gekommen ist.“ So wird allen klar: Es ist zum Weinen, was wir hier tun.
Traurig sein mit den anderen. Vielleicht wäre das ein erster Schritt zum Frieden. Ein erster Schritt, dass etwas besser wird. Weinen, dass wir alle so sind, wie wir sind. Und auf Gott hoffen: Der hat versprochen, dass er eines Tages alle Tränen abwischen wird. (Offb 21, 4)

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