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SWR1 3vor8

 (Mk 6,30-34)

Schafe werden gerne für dumm gehalten. Deshalb habe ich das Bild auch lange nicht gemocht. Das Bild vom Hirten und der Herde, vom Schäfer und den Schafen, das so oft in der Bibel gebraucht wird. Immer wieder wird dieses Bild bemüht, um das Verhältnis von Jesus zu den Jüngern, von Gott zu den Menschen und auch von den Führern zum Volk zu umschreiben. Gerade letzteres passt mir ganz und gar nicht. Denn dann sind die einen die Hirten, die wissen, wo es lang geht und die andern sind die dummen Schafe, die geleitet werden müssen. Und genau in diesem Sinne hat man das Bild ja auch Jahrhunderte lang ausgelegt. Auf der einen Seite die Hirten, lateinisch die Pastoren, und auf der anderen Seite das Volk, die Laien. Klar wer da das Sagen hatte und auch klar, wer da zu gehorchen hatte. Aber ich möchte kein Schaf sein, kein dummes Schaf, das von Hirten gesagt bekommt, wo es lang geht. Was es zu denken und vor allem, was es zu glauben hat.  Wenn schon Schaf, dann möchte ich mir meine Weide selbst aussuchen, dort grasen, wo es mir am besten schmeckt, wo ich Futter bekomme, das mich wirklich satt macht. Und es freut mich, dass ich ein ähnliches Verhalten in der biblischen Geschichte entdecke, die heute in den kath. Gottesdiensten vorgelesen wird. Sie steht im sechsten Kapitel des Markusevangeliums. Jesus und die Apostel wollen ihre Ruhe haben. Sie fahren in eine einsame Gegend. Die Menschen aber wollen Jesus begegnen und folgen ihnen. Nichts da mit Ruhe für Jesus und die Apostel. Und Jesus besteht nicht mehr auf seiner Ruhe, sondern hat Mitleid mit den Leuten und redet zu ihnen. Die Bibel begründet das mit dem Satz: „Denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Jesus wird zum Hirten für diese Menschen.  Sie folgen ihm, ja verfolgen ihn geradezu,  weil sie gemerkt haben: Der hat gutes Futter für uns, der hat Worte, die unsern Hunger stillen. Sie sind keine dummen Schafe, die jedem hinterherlaufen, sondern sie wissen ganz genau, wer ein guter Hirte ist.  Und das versöhnt mich mit dem biblischen Bild vom Hirten und den Schafen.

Schafe sind nämlich gar nicht so dumm wie wir gerne meinen. Sie haben ein sehr gutes Gedächtnis. Britische Forscher haben herausgefunden*, dass sie sich 50 verschiedene Gesichter merken können. Und von daher können sie einen guten von einem schlechten Hirten sehr wohl unterscheiden. Für die Hirten bedeutet das: Es ist mehr als unklug, Schafe für dumm zuhalten. 

* http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gutes-gedaechtnis-schafe-merken-sich-fast-jedes-gesicht-a-166493.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20176