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SWR1 3vor8

In Gesprächen über religiöse Fragen taucht hin und wieder das Wort „Sünde“ auf. Dann bekomme ich ungewöhnlich oft den folgenden Satz zu hören: „Ich hab keine Sünden. Ich mach doch nichts Schlimmes.“ Ob diese Abwehr immer noch daran liegt, dass die Kirche den Leuten damit früher Angst gemacht hat? Die Sünden zu verwalten, mit der Hölle zu drohen - das können starke Instrumente der Macht sein. Wenn im unklaren bleibt, was mir vergeben wird und was nicht, nehme ich das Wort „Sünde“ lieber gar nicht erst in den Mund. 

Ohne diesen Ballast sind Sünden etwas ganz Alltägliches. Sie gehören zum Leben des Menschen. Sie entsprechen unserer Natur. Es ist ein Problem, wenn wir dabei nur an die ganz schlimmen Dinge denken: Einbruch, schweren Diebstahl oder Mord gar. Mit Sünden sind aber auch die kleinen Bosheiten gemeint, Situationen, wo ich mich rücksichtslos verhalte, oder so sehr auf mich konzentriert bin, dass ich andere und deren Bedürfnisse übersehe.
Es beginnt damit, sich das einzugestehen, die Augen nicht davor zu verschließen. Ich muss zugeben können, wenn ich zuerst und vor allem an mich gedacht habe. Denn damit beginnt jede Sünde. Mit der Ich-Sucht. Sie vergiftet das Klima unseres Zusammenlebens. Sie verhindert, dass unsere Welt besser wird, dass wir voran kommen. Wer das aber will, der muss aufpassen, was er tut und sagt, wie er lebt.
Wer in der Bibel liest, merkt schnell, dass es dort selbstverständlich ist, von Sünde zu sprechen. Sie gehört einfach dazu, sie ist eine Realität. Jeder war davon betroffen. Und es hat gut getan, sie einzugestehen, weil Fehler belasten und geheime Vergehen schrecklich anstrengend sind. Die Leute haben gespürt, dass sie mit ihren Sünden nicht allein gelassen werden, dass es ein Mittel gegen die Sünde gibt. Wer seine Sünden bereut, wer sie Gott bekennt, und es besser machen will beim nächsten Mal, dem wird vergeben. Es darf nur kein Trick dabei sein, keine Taktik. Es muss ehrlich gemeint sein.

Weil es Pfarrern nicht anders geht als anderen, machen viele vielleicht einen Bogen um einen Satz aus den biblischen Texten dieses Sonntags. Dort heißt es: Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten (1 Joh 2,1b).
Mir gefällt dieser Gedanke sehr. Wir sind mit unseren Sünden nicht allein. Gott weiß, dass die Sünde Teil seiner Schöpfung ist. Gott sieht: Die Menschen kämpfen mit ihren Schwächen und Fehlern. Und jedem, der will, bietet Gott das Beispiel Jesus als Unterstützung dabei an. 

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