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SWR1 3vor8

5. Fastensonntag B (Joh 12,20-33)

 

Wir sind eine Gesellschaft von Individualisten. Das ist eines der wesentlichen Ergebnisse, wenn Soziologen zu charakterisieren versuchen, wie wir zusammen leben. Jeder bestimmt für sich, wie er leben will. Jeder Mensch soll sich finden, soll selbst bestimmen.

Heute taucht in den katholischen Gottesdiensten ein Satz auf, der dem total  widerspricht: Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben (Joh 12,25). Jesus sagt das zu einigen Vertrauten, die von Anfang an mit ihm unterwegs waren. Sie haben zwei Jahre lang gehört, was er zu sagen hat, wie er denkt. In seinen Predigten hat er nicht darüber gesprochen, wie er sein Ich verwirklicht, sondern über das, was Gott von ihm erwartet. Weil er fest davon überzeugt war, dass ihn das glücklich macht. Jetzt sind sie auf dem Weg nach Jerusalem; in die Stadt, wo Jesus ums Leben kommen wird. Jesus ist dazu bereit. Weil er auch jetzt weiß: Der, den er Vater nennt, lässt ihn nicht im Stich. Als er das seinen Jüngern mitteilt, schaut er in ungläubige Gesichter. Und sagt dann jenen Satz: Wer an seinem Leben hängt, verliert es. Für mich bedeutet das soviel wie: Nimm dich nicht so wichtig. Denk auch an andere. Hab keine Angst vor dem Tod. Gott ist größer als du; vertrau ihm dein Leben an – und deinen Tod.

Wenn ich diesen Satz jetzt höre, muss ich an mein letztes Schuljahr denken. Da stand logischerweise die Frage für mich im Raum, was ich nach dem Abitur machen würde. Theologie studieren und Priester werden, war eine Möglichkeit. Mein Leben verlieren, das wollte ich nicht. Wenn es bloß um mich geht, dann geh ich in die Wortschaft, oder in die Politik; dann sollte ich besser Jura studieren oder Betriebswirtschaft. Aber ich wollte nicht bloß Geld verdienen und Karriere machen. Ich wollte mehr. Ich hatte die Hoffnung, dass ich mehr aus meinem Leben machen kann, wenn ich auf Gott vertraue; dass ich so nützlicher bin, für andere, für die Allgemeinheit. Dazu war ich bereit, auf etwas zu verzichten: auf Familie und ein großes Gehalt zum Beispiel.

Heute frage ich mich, ob es mir besonders gut gelungen ist. Manchmal tut es weh, wenn ich den Satz aus dem Johannesevangelium höre. Wenn ich zu viel auf meine eigene Leistung und meinen Geldbeutel vertraue.

In diesen Wochen schreiben tausende von jungen Menschen in Baden-Württemberg ihr Abitur. Wie für mich seinerzeit könnte auch für sie der Satz Jesu hilfreich sein. Denn darum geht es doch: das Leben zu gewinnen.

 

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