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SWR1 3vor8

Jesus Wüterich. Auch das mag ich an diesem Mann aus Nazareth. Er konnte so ganz Mensch sein. Konnte festen und feiern, weinen und vor Wut schon auch mal Tische umschmeißen. Wie bei der berühmt-berüchtigten Tempelreinigung, von der heute in den katholischen Kirchen zu hören ist. Sie gilt als historisch sicher, weil alle 4 Evangelisten von ihr berichten. Die Tempelreinigung beschreibt eine sehr menschliche Seite Jesu, aber auch eine zentrale Seite des Glaubens, den er in diese Welt gebracht hat. Was hat ihn nun so aufgebracht, dass er die Tische der Geldwechsler umgeworfen und Händler sowie Opfertiere mit der Peitsche aus dem Tempel getrieben hat? Die Antwort hat er selbst gegeben: „Das ist ein Bethaus und ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht“! Um zu ermessen welch riesen Eklat Jesus da veranstaltet hat, muss man wissen, welche Bedeutung der Tempel und der dort stattfindende Opferkult hatte. Der Tempel war das religiöse Herz Jerusalems und zu den zentralen Ritualen gehörte es, dem Gott Israels Opfer zu bringen. Opfer in Form von Tieren oder von Geld. Und beides, Tiere und Geld, gab es im Vorhof des Tempels, wo die Gläubigen die Opfergaben hinbrachten oder kauften. Genau das ging Jesus völlig gegen den Strich. Dass aus dem Haus, in dem sich die Menschen auf Gott ausrichten, ihm öffnen sollten, eine Markthalle gemacht wurde. Und dass sie sich die Liebe Gottes mit Opfer erkaufen sollten. Mit seiner Attacke zielte er mitten ins Zentrum des religiösen Establishments, dem es um Geld, Macht und Eitelkeit ging. Dagegen anzugehen war schon immer gefährlich, manchmal lebensgefährlich und für Jesus am Ende tödlich. Die Tempelreinigung gilt tatsächlich als einer der Gründe für die Kreuzigung Jesu.

Es gab aber noch andere, tiefer liegende Gründe: Die Menschen haben seine Klarheit nicht ausgehalten, konnten es nicht ertragen, dass er ihnen in die Seele geschaut hat. Wo er ihre nackten Bedürfnisse, Ängste und Nöte gesehen hat. Das hat ihm die Freiheit gegeben sich den Machthabern nicht zu unterwerfen. Und sich von Mitläufern nicht hofieren zu lassen. Das hat ihn aber auch einsam gemacht und am Ende umgebracht. Denn, so heißt es am Ende der Erzählung von der Tempelreinigung, „er wusste was im Menschen ist“… 

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