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SWR1 3vor8

Sterne sind Zeichen. Am Himmel haben sie den Seefahrern früher die Richtung gezeigt. Aber auch die Sterne hier auf der Erde zeigen etwas. In der Flagge der USA gibt es welche, auf der Spitze des Kreml in Moskau leuchtet ein roter Stern. Wer den gelben Stern tragen musste, der galt in Nazi-Deutschland als Mensch zweiter Klasse.
Sterne sind Zeichen. Aber wofür? Was zeigen die Sterne? Wie kann man solche Zeichen deuten?
Auf diese Frage antwortet unter anderem die Geschichte, über die heute in den evangelischen Gottesdiensten gepredigt wird. Die Geschichte von den Heiligen drei Königen, von denen der Feiertag heute seinen Namen hat.
Genau genommen waren sie wohl Astrologen, Sterndeuter, irgendwo im Nahen Osten. Die haben auf einmal einen neuen Stern gesehen, genauer, eine seltene Sternenkonstellation, besonders hell und leuchtend. „Im Westen ist ein mächtiger König geboren worden.“ Diese Deutung fanden sie in ihren astrologischen Büchern. Man muss anscheinend in den Traditionen suchen, wenn man herausfinden will, was so ein Zeichen bedeuten könnte. Dann wird das Zeichen zum Symbol. Dann bekommt es eine Bedeutung.
Die Weisen damals wollten noch mehr wissen. Also machen sie sich auf den Weg nach Westen. Sie kamen in Jerusalem an. Da gab es auch schriftgelehrte Männer. Die schlugen ihre Bücher auf. Und sie fanden dort alte Weissagungen (Num 24, 17; Micha 5, 1). Die sprachen von einem König, der aus Bethlehem kommen sollte.
Man braucht Worte, um ein Zeichen zu deuten. Dann wird das Zeichen zum Symbol. Ganz am Anfang waren Tontäfelchen, habe ich neulich gelesen. Zwei Freunde brachen sie in Stücke und jeder nahm einen Teil mit. Und wenn sie sich nach vielen Jahren wieder trafen, oder gar erst ihre Kinder oder Enkel: Dann konnten sie die Teile wieder zusammensetzen und erkennen: Der andere ist wirklich mein Freund. Ich kann ihm vertrauen. Zusammensetzen heißt auf griechisch „symballein“. Wenn man verschiedene Dinge zusammensetzt, dann hat man ein Symbol. So, wie die Freundschaftstäfelchen. Oder: der Stern und die Worte, die ihn deuten.
Genauso ist das mit den Symbolen bis heute. Ich brauche immer ein paar Worte, die mir erklären, wie ich das verstehen soll. Der Ring, den ich trage: Ich verstehe, was er sagt, weil ich auch ein paar Worte dazu geschenkt bekommen habe. Das Kind in der Krippe: ich begreife, was ich da sehe, weil ich zum Beispiel diese Geschichte von den drei weisen Männern habe.
Denn die Weisen damals, erzählt die Bibel, die sind ihrem Stern gefolgt und haben Gott gefunden – im Stall in Bethlehem. Den hätten sie wohl nicht erkannt ohne ihren Stern.

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Johannes 1,1-18

2. Sonntag nach Weihnachten (B)

Taizé ist ein Ort in Burgund in Frankreich. Es ist ein religiöser Ort, der seit Jahrzehnten Hunderttausende von Jugendlichen aus aller Welt anzieht – auf ihrer Suche nach Sinn und Orientierung. Taizé ist ein Ort, an dem Mönche aus verschiedenen Kirchen und Ländern versuchen, die immer noch getrennte Christenheit wieder zu vereinen und alte konfessionelle Gräben zuzuschütten. Zustande brachte das Frère Roger Er war Gründer und erster Prior dieser ökumenischen Gemeinschaft. Vor 10 Jahren ist er gestorben.

Im Jahr 1967 bin ich als Student zum ersten Mal nach Taizé gekommen. Alles war damals noch klein und überschaubar. Dort bin ich auch Frère Roger begegnet. Ich war spontan begeistert von ihm: ein geistlicher Vater, einfach und bescheiden, gütig und freundlich, ein Mann mit einer besonderen Ausstrahlung. Ein Wort von Frère Roger beeindruckt mich bis heute. Er spricht von der „Dynamik des Vorläufigen“. Was das heißt, wird an diesem Beispiel besonders deutlich: Ostern 1971 zeichnete sich ab, dass die Kirche in Taizé die vielen Jugendlichen nicht fassen kann. Da haben die Mönche kurzerhand beschlossen, einen Teil der Fassade abzubrechen und ein großes Zelt anzubauen.

Dieser Vorgang sagt viel darüber aus, wie Frère Roger und seine Gemeinschaft die Kirche sehen. Sie verstehen und leben Kirche nicht als geschlossenes Gehäuse, in dem man sich einrichtet und unter Seinesgleichen wohl sein lässt. Kirche ist Kirche im Aufbruch. Sie ist unterwegs, sie ist offen und einladend für alle.

Die „Dynamik des Vorläufigen“ - das gilt für alles auf dieser Erde. Nichts ist endgültig, nichts ist für immer fest und fertig. Doch gerade das macht Mut, offen zu bleiben, flexibel und erfinderisch.

Auf diesen Gedanken bringt mich auch der Anfang des Johannes Evangeliums. Er ist heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Dort heißt es: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Gemeint ist: „Gott ist in Jesus Mensch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Schaut man sich das letzte Wort in der griechischen Ursprache an, dann steht da: „eskänosen“ – zu deutsch: „Zelt aufschlagen“. Der Satz im Evangelium lautet also genauer: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gezeltet.“ – Das ist ein großer Unterschied zu „wohnen“, wie wir es verstehen. Im Haus wohnt man dauernd, im Zelt meist nur vorübergehend – eben: in einer „Dynamik des Vorläufigen“.

 Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.

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