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SWR1 3vor8

25. Sonntag im Jahreskreis A (Mt 20,1-16a)

 

Die Letzten werden die Ersten sein. Diesen Satz kennt fast jeder, auch der, der mit der Bibel nichts am Hut hat. Er steht im Evangelium des Matthäus und ist von dort in den allgemeinen Sprachschatz eingegangen. Aber was will der sagen, der ihn gebraucht? Ich höre ihn meistens dann, wenn jemand kein Glück gehabt hat und auf den hinteren Plätzen gelandet ist. Beim Kartenspielen oder in einem sportlichen Wettkampf. Von einem, der sich mit der Aussicht auf die Umkehrung der Rangfolge tröstet.

Heute wird in den katholischen Gottesdiensten das Gleichnis erzählt, das mit eben jenem Satz aufhört. Es geht dort um einen Mann, der einen Weinberg hat und Leute sucht, die dort arbeiten. Mehrmals am Tag stellt er neue Arbeiter ein. Und, das ist wichtig: Allen verspricht er den gleichen Lohn. Als der Lohn am Abend ausgezahlt wird, sind die sauer, die viel mehr als die anderen geschuftet haben. Sie empfinden das als Ungerechtigkeit und ärgern sich über den Besitzer des Weinbergs. Verständlicherweise. Das ginge jedem von uns genauso. Wenn wir viel schaffen, dann wollen wir einen angemessenen Lohn. Stattdessen werden die fleißigen Arbeiter am Ende auch noch verspottet: Die Letzten werden die Ersten sein.

Wenn wir aber verstehen wollen, wie Jesus ihn meint, dann müssen wir auf ein Detail aufpassen. Der Besitzer des Weinbergs hatte dochvon Anfang an jedem das Gleiche versprochen. Die Arbeiter wussten also, worauf sie sich einlassen. Die Ersten wussten, dass die Letzten den identischen Lohn kriegen werden. Der Eigentümer des Weinbergs handelt gerecht. Und der Lohn ist es auch. Die Ungerechtigkeit entsteht erst in den Arbeitern selbst. Und zwar in dem Augenblick, wo sie beginnen zu vergleichen. Sie fangen an zu rechnen. „Ich habe zehn Stunden gearbeitet und der nur eine. Also sollte ich doch zehnmal soviel verdient haben.“ Und dann fühlen sie sich ungerecht behandelt. Und erst dann deuten sie den Schlusssatz des Gleichnisses als Schlag ins Gesicht.

Ich glaube, dass er von Jesus ganz nüchtern gemeint ist, fast neutral. Er ist einfach eine Feststellung: Bei Gott gelten unsere Reihenfolgen nicht. Gott gibt nichts auf Leistung und Ehrgeiz. Bei ihm stehen unsere gewohnten Verhältnisse auf dem Kopf. Gott gibt jedem, was er braucht - und sei’s auf den letzten Drücker. Vielleicht lernen wir ja noch, die Entlastung zu entdecken, die da drin steckt.

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