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SWR1 3vor8

Das Kreuz: Für manche ist es ein Segenszeichen. Sie tragen es um den Hals, fast wie einen Glücksbringer. Andere mögen es nicht: Wie grausam ist das, sagen sie. Wie kann das ein Symbol sein für den Glauben an die Nächstenliebe!
Heute, am Karfreitag aber steht es im Mittelpunkt. Wir Christen denken in unseren Gottesdiensten daran, wie Jesus hingerichtet wurde. Gekreuzigt. Ein Opfer von politischen und religiösen Machthabern. So schrecklich geht es manchmal zu in der Welt, auch heute noch und Menschen klagen und schreien wie er: „Warum, Gott, hast Du mich verlassen!“
In den evangelischen Gottesdiensten wird ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja vorgelesen und bedacht. Mehr als 500 Jahre vor jener Kreuzigung auf Golgatha geschrieben. Und Jesaja hat sicher einen ganz anderen gemeint. Aber von Anfang an haben Christen gefunden: Genau so kann man diesen schrecklichen Tod von Jesus verstehen.
„Er trug unsere Krankheit“, schreibt Jesaja, „und lud auf sich unsere Schmerzen“. (Jes 53, 4).
Sicher: Jesus damals hatte Schmerzen. Wie einen schwer Kranken sieht man ihn in vielen Kirchen an seinem Kreuz hängen. Aber wie könnte er meine Schmerzen tragen, die körperlichen oder die seelischen? Das möchte man wohl manchmal, wenn ein geliebter Mensch leiden muss. Aber es geht nicht. Die Schmerzen kann man niemandem abnehmen. Und auch nicht die verzweifelte Frage nach dem Warum.
Andererseits:
Wir Christen glauben, dass durch Jesus Gott selbst in die Welt gekommen ist. Gott ist Mensch geworden und leidet da am Kreuz und schreit. Gott trägt das, was einem keiner abnehmen kann. Und merkwürdigerweise tröstet das viele, die krank sind und leiden. Denn wenn Gott da ist, wo gelitten wird und Menschen weinen und verzweifelt sind – dann muss sich keiner von Gott verlassen fühlen, dem es so geht. Jesus war ja auch nicht von Gott verlassen, obwohl er nichts mehr spüren konnte von seiner Nähe. Dass einer krank ist, dass er von allen im Stich gelassen wird, wie dieser Jesus – das ist nicht die Strafe Gottes. Auch für Jesus war es ja nicht Gottes Strafe, dass er hingerichtet wurde. Im Gegenteil: Gott hat ihn auferweckt. Gott kann das Leben neu machen. Auch für die, die ganz unten sind, denen man nichts mehr abnehmen kann. Die können Hoffnung haben: Gott ist und bleibt bei mir. Ich glaube, das können wir einander auch spüren lassen: Wenn Leute sich nicht zurückziehen von mir und meinem Leid. Wenn sie mit mir leiden und aushalten. Dann kann ich spüren: Gott hat mich nicht verlassen.
Das zeigt für viele der sterbende Jesus am Kreuz So gesehen, finde ich, ist das Kreuz dann gar nicht schrecklich, sondern ein Segenszeichen.

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Roter Teppich für Jesus. Jubelrufe: „Auf Dich haben wir gewartet.“ Du wirst uns retten.“ Bald darauf wird er hingerichtet, verspottet. „Ans Kreuz mit ihm“, rufen die Leute. Beides geschieht in Jerusalem und alle vier Evangelisten erzählen davon. Der rote Teppich ist allerdings nicht rot, sondern bunt und vor allem grün. Die Leute ziehen ihre Kleider aus und legen sie auf den Weg. Und sie reißen Zweige von den Bäumen und streuen sie auf den Weg. Jesus reitet darüber, aber nicht hoch zu Roß und auch nicht auf den Schultern seiner Anhänger, sondern auf einem Esel. Da ist so etwas wie Triumph in dieser Szene, und gleichzeitig zieht Jesus sehr bescheiden in Jerusalem ein. Schon Jahrhunderte vorher haben die Propheten Jesaja und Sacharja angekündigt, daß der Messias auf einem Esel nach Jerusalem kommen werde. Trotzdem tun sich auch viele, die in Jerusalem sind, schwer: Kann dieser Jesus wirklich der von Gott geschickte Retter sein, zeigt sich wirklich in ihm Gott?

Heute gibt es, vor allem unter Jugendlichen, das Schimpfwort „Du Opfer“. Mich empört dieser Ausdruck jedes Mal, wenn ich ihn höre, weil er so demütigend ist. Vermutlich würde heute auch Jesus so beschimpft werden. Kann einer, der auf einem Esel kommt, einer, der sich dann verspotten, quälen und hinrichten lässt, von Gott kommen? Kann so ein „Opfertyp“ zeigen, wie Gott ist? Das ist die Frage am Anfang der Karwoche. Das Neue Testament beantwortet diese Frage mit Ja. Dabei kommen immer wieder auch die Stimmen derer zu Wort, die das nicht glauben können. Die sich Gott anders vorstellen, ihn sich anders wünschen. Ich finde mich in beiden wieder. Wie oft wünsche ich mir, daß Gott machtvoll unsere menschlichen Verhältnisse zum Guten und nur zum Guten wendet. Und immer wieder ist da auch das Vertrauen, daß Gott mit uns ist in unsern menschlichen Verhältnissen. Dass er sich berühren lässt von unserer Freude und von unserem Leid, von Angst und Schmerzen. Dass er rettet, nicht mit Macht von oben herab, sondern nah an meinem Leben, so wie es ist.

Der Messias auf dem Esel, roter Teppich und Kreuz. Der Palmsonntag fordert mich heraus.

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