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SWR1 3vor8

Allerheiligen. Vielleicht haben Sie gestern abend und heute nacht auch Halloween gefeiert. Es gehört ja beides zusammen. Halloween ist älter als Allerheiligen. Am 1. November haben die Kelten Neujahr gefeiert. Und sich am Abend vorher Mut gemacht für den Winter. Mit Lichtern, mit Erntefrüchten, mit Gespenstern. Der Winter kann einem ja auch Angst machen. Wir heute fürchten weniger, daß wir verhungern oder erfrieren. Eher, daß die trüben Tage uns schwermütig machen.

Eigentlich ist da Allerheiligen genau das richtige Fest, um uns Mut zu machen. Denn es eröffnet eine tolle Aussicht. Die Aussicht, daß Sie und ich heilig werden und daß die Toten, die wir gekannt haben, es schon sind. Nicht so auf Wolke sieben, mit Flügeln und Halleluja-Singen – oder vielleicht doch. Im Ernst: An Allerheiligen geht es um den Glauben, daß jede Frau, jeder Mann, jedes Kind heilig werden soll. Das heißt: es soll kein Leben verloren gehen. Jeder, jede hat die Chance, ans Ziel zu kommen, an sein Ziel, an ihr Ziel. Dabei redet die Bibel ja einerseits davon, daß nur Gott heilig ist. Andererseits spricht der Apostel Paulus die Christen in Ephesus, in Korinth, in Rom als Heilige an. Ich glaube, damit ist gemeint, daß Gott auf uns abfärbt. Wenn wir durch unser Leben mit Gott in Kontakt kommen, dann macht das etwas mit uns, es prägt, es verändert.

In der Kirche hat man Allerheiligen seit dem 4. Jahrhundert gefeiert, und zwar im Zusammenhang mit Ostern. Erst die Auferstehung Jesu, und dann die Auferstehung derer, die an ihn geglaubt haben. Ostern für Jesus, und Ostern für uns Menschen, auch für die, die nicht ausdrücklich heilig gesprochen worden sind. Gott hat mit seiner Liebe Erfolg, soll das heißen, bei uns.

Nach ein paar hundert Jahren ist Allerheiligen dann von der Osterzeit auf den 1. November gerückt. Es wurde zum Hoffnungsfest, zum Osterfest, nicht im Frühling, sondern im Spätherbst, am Winteranfang. Das ist ein belebender Kontrast.

Und diesen belebenden Kontrast wünsche ich Ihnen, für heute und für den Winter!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16335

Jesus Sirach, 35, 15b-17,20-22a

„Der Herr ist der Gott des Rechts, bei ihm gibt es keine Begünstigung…  das Flehen der Bedrängten hört er. Er missachtet nicht das Schreien der Waise und Witwe, die viel zu klagen hat. Wer Gott wohlgefällig dient, der wird angenommen und sein Bittruf erreicht die Wolken. Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken, es ruht nicht bis es am Ziel ist. Es weicht nicht, bis Gott eingreift und Recht schafft als gerechter Richter.“  
Ein sehr alter Text. Und so klingt er auch. Er ist heute in den katholischen Kirchen zu hören. Um Recht und Gerechtigkeit geht es. Geschrieben vor rund 2200 Jahren. Von Jesus Sirach, einem Weisheitslehrer im Alten Testament der Bibel.
Und wie vor 2200 Jahren schreit unsere Welt auch heute nach Recht und Gerechtigkeit. Wenn immer und immer wieder Flüchtlinge aus Afrika im Mittelmeer ertrinken. Wie die über 300 vor Lampedusa, Anfang dieses Monats.
Darunter eine Mutter mit ihrem neugeborenen Kind, die Nabelschnur noch nicht einmal getrennt. Welch furchtbares, archaisches Bild: was leben wollte und sollte muss sterben und bleibt verbunden im Tod. Eine nackte Klage über einen so unnötigen wie infamen Tod. Eine stumme Anklage an uns im reichen Norden der Welt, die wir die Menschen im armen Süden doch nähren sollten und nicht ertrinken lassen.
Das schreit wahrlich zum Himmel. Ein stummer Schrei der die Wolken durchdringen und nicht ruhen möge bis er am Ziel ist und Gott eingreift. Eingreift durch Menschen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass Mitmenschen immer wieder ertrinken müssen, weil sie ihrer Hoffnung nach Leben gefolgt sind. Hoffnung auf ein Leben ohne Angst, ohne Hunger und ohne Armut. Ein Leben auf das sie ein Recht haben. Immer und überall.
Man muss nicht an Gott glauben um dieses Recht für sie zu fordern. Es ist aber schön und ermutigend von einem Gott zu hören, der bei denen ist, die nach diesem Recht – dieser Gerechtigkeit! – suchen. Und in denen, die ihnen dabei helfen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16329