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SWR1 3vor8

(LK 15, 11-32)

Ich stelle mir vor: ich lebe in einer begüterten Familie, einem Familienbetrieb. Vater, Mutter, ein Bruder, einige Angestellte, ein mittelständischer Betrieb. Wir arbeiten fleißig, uns geht es gut. Eines Tages geht mein Bruder zu unserem Vater und sagt er steigt aus und  möchte sein Erbteil ausbezahlt bekommen. Mein Vater macht das und mein Bruder haut ab. Ist einfach weg. Er könnte auch tot sein, wir wissen es nicht. Der Betrieb, unser Leben geht weiter, wie gehabt. Mein Vater wird sichtlich älter und ich ackere noch mehr um den Laden am Laufen zu halten. Eines Tages, Jahre sind vergangen, kommt einer unserer Angestellten in mein Büro und sagt mein Bruder sei wieder da. Es spricht sich schnell herum, noch bevor ich ihn sehe weiß ich: er hat sein ganzes Erbe verschleudert, mit Dolce Vita, Fressen, Saufen und Rumhuren. Und jetzt, völlig abgebrannt und zerlumpt  kommt er zurück und bettelt darum in unserem Betrieb zu arbeiten. Und was macht mein Vater? Ein Fest! Er reserviert das beste Lokal der Stadt, bestellt eine Band, lädt unsere Familie samt Verwandtschaft und den ganzen Betrieb ein zu feiern, dass dieser egoistische Rumtreiber sich in den Schoß der Familie flüchtet. Ich fass es nicht...!

An dieser Stelle breche ich die Geschichte ab. Manch einer wird es gemerkt haben. Ich habe das Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt.   Und ich habe es aus der Perspektive des Bruders erzählt. Weil mir der Bruder in diesem Gleichnis zu oft zu kurz kommt. Die Perspektive des Bruders ist die Perspektive der Realität. In einem Gleichnis das wunderschön von der unberechenbaren und unermesslichen Liebe Gottes erzählt.

Wichtig ist dabei auch zu wissen, dass Jesus dieses Gleichnis den Pharisäern erzählt, als sie ihm vorwerfen, dass er sich mit Sündern abgibt. Ihnen will er damit klarmachen, dass Gott weit über alle menschlich allzu menschliche Vorstellungen hinausgeht.

Ja, alles schön und gut. Und trotzdem versteh ich den Bruder. Denn der Bruder bin ich, meine Realität. Mitten in dieser Welt mit all ihren Zwängen und Grenzen. Aber auch mit einer irre schönen Perspektive:  einer Barmherzigkeit die meine Grenzen und Zwänge sprengt...

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