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SWR1 3vor8

Manchmal ist mir der Jesus einfach zu radikal. So radikal, dass ich mich frage, was soll das?
In der Geschichte, an die heute in den evangelischen Gottesdiensten erinnert wird, finde ich Jesus ziemlich radikal:
Viele Menschen sind zu ihm geströmt. Sie suchen Gott bei ihm und echtes Leben. Begeistert und fasziniert laufen sie hinter ihm her. Da dreht es sich um. Und redet zu ihnen; man könnte meinen, er will sie warnen, vor seiner Art zu leben.
Wer zu mir kommt, sagt er, dem muss alles andere unwichtig werden: Sein Vater und seine Mutter, ebenso Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben: Sonst kann er nicht mein Jünger sein.
Wenn ich das richtig verstehe, meint das wohl:
Als Christ zu leben, das geht nicht mit links. Oder bloß sonntags. Christ sein, das färbt ein Leben in der Wolle.
Es tut gut, aber es fordert auch. Wie ich denke und auch wie ich mich verhalte.
Ich höre darin auch eine Warnung: Wenn ich mich an Jesus und seinem Gott orientiere, dann wird es passieren, dass ich mit meinen Lebensmustern und auch mit vertrauten Menschen in Konflikt geraten kann.
So gesehen, ist es ehrlich, dass Jesus in dieser Geschichte die Menschen, die zu ihm kommen, vor kurzatmiger Begeisterung warnt. Anscheinend will er kein Popstar sein, dem man heute zujubelt und den man morgen fallen lässt, wenn ein neuer Star am Himmel aufzieht. Stattdessen macht Jesus klar: Christ sein ist was fürs ganze Leben. Da heißt es gründlich überlegen, ob ich das wirklich will, ob ich es auch durchhalten will. Ob ich es immer neu üben will. Wie hat Luther mal gesagt: „Christsein ist ein Werden."
Wenn mir Jesus manchmal zu radikal scheint, könnte das aber auch daran liegen, dass ich mich vor seinen Zumutungen manchmal auch drücke. Vielleicht haben wir Christen hierzulande ihm die Zähne gezogen.
Ich denke z. B. daran, dass er gesagt hat: „Liebt Eure Feinde."
„Naiv, weltfremd," sagen da viele. Und ich weiß von mir, es ist nicht leicht, zu deeskalieren. Das meint Jesus nämlich mit Feindesliebe. Er meint nicht, dass man jemand, der einem übel kommt, auf Knopfdruck „nett" finden soll. Sondern wenn Dir jemand feindlich kommt, dann antworte nicht mit denselben Mitteln. Steig gar erst nicht ein in diese Spirale von Zorn, Wut oder sogar Gewalt, sei es mit Worten oder handgreiflich. Feindesliebe heißt. Sei klug und erfinderisch, und überrasche den „Feind". Vielleicht gelingt es so, Feindschaft aus zu bremsen. So gesehen, ist Jesus Radikalität nicht naiv, sondern anspruchsvoll und allemal wert sie zu versuchen.

Hier ist die ganze Passage aus der Bibel: (Lukas 14, 25-33)
Viele Leute begleiteten Jesus auf seinem Weg.
Da drehte er sich um und sagte zu ihnen:
"Wer zu mir kommt, dem muss alles andere unwichtig werden:
sein Vater und seine Mutter, ebenso Frau und Kinder, Brüder und Schwestern,
ja sogar sein eigenes Leben: Sonst kann er nicht mein Jünger sein.
Wer nicht sein Kreuz trägt und mir auf meinem Weg folgt, kann nicht mein
Jünger sein.
Stellt euch vor, einer von euch will einen Turm bauen:
Setzt er sich dann nicht als Erstes hin, berechnet die Kosten und prüft: Reicht sein Geld?
Sonst passiert es, dass er das Fundament legt, aber den Bau nicht fertigstellen kann.
Und alle, die das sehen, lachen ihn aus und sagen:
'Dieser Mensch wollte einen Turm bauen - aber er konnte ihn nicht fertigstellen.'
Oder stellt euch vor:
Ein König will gegen einen anderen König in den Krieg ziehen.
Setzt er sich dann nicht als Erstes hin und überlegt:
Sind zehntausend Mann stark genug um gegen einen Feind anzutreten,
der mit zwanzigtausend Mann anrückt?
Wenn nicht, dann schickt er besser Unterhändler, solange der Gegner noch weit weg ist. Die sollen Friedensverhandlungen führen.
So gilt auch:
Wer von euch nicht alles aufgibt, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein."

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