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SWR1 3vor8

Heute ist in den evangelischen Gottesdiensten von einem Steuersünder die Rede. Die Predigt soll von einem Mann handeln, der ein zu kleines Herz hatte für seinen großen Reichtum. Er hatte mehr als die meisten anderen - und anscheinend trotzdem Angst, dass es ihm nicht reichen könnte. Sonst hätte er ja wohl nicht den anderen mehr Steuern abverlangt, als es vorgeschrieben war. Den Überschuss hat er in seine eigene Tasche gesteckt. So ging Steuerbetrug zur Zeit Jesu. Heute geht das anders. Statt nach Recht und Gesetz abzugeben, was allen zugutekommt, hinterziehen Superreiche ihre Steuern. Vielleicht haben sie auch Angst, dass es ihnen nicht reichen könnte.
Von so einem Steuerbetrüger ist heute im Gottesdienst die Rede. Zachäus heißt er, klein war er und den Reisenden und Händlern hat er mehr abgenommen, als er durfte. Kein Wunder, dass ihn niemand leiden konnte. Die Leute haben ihn ignoriert und gemieden.
Dieser Zachäus steigt auf einen Baum, als Jesus in seine Stadt kommt. Er mochte wohl nicht fragen, ob die Leute ihn vorlassen, damit er auch was sieht. So aber macht er sich erst recht lächerlich. Jetzt sehen alle, wie klein er ist. Ich möchte nicht wissen, wie er sich geschämt hat, da oben auf seinem Baum.
Die Bibel erzählt: Auch Jesus sieht ihn da oben. Aber er sieht ihn anscheinend auf eine besondere Weise an. So, dass Zachäus sich nicht schämen muss. Jesus lädt sich bei ihm zum Essen ein. Er meidet ihn nicht. Er ignoriert ihn nicht. Da geht dem Zachäus das Herz auf. Er besinnt sich. Er begreift, dass er einen Fehler gemacht hat. Sein Reichtum hat ihn nicht größer gemacht. Groß wird er, als er zugibt, dass er sich auf Kosten anderer bereichert hat. Groß wird er, als er es wieder gut macht. Als er zurückzahlt, was er für sich behalten wollte.
Und damit ist nun alles gut? Jetzt mögen ihn wieder alle und er darf wieder dazu gehören? Hat Jesus ihn gewissermaßen wieder hereingeholt in die Gemeinschaft?
Vielleicht. Ich hoffe es für den kleinen Zachäus. Aber vielleicht auch nicht. In der Bibel steht nämlich: „Als sie das sahen, murrten sie und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt." (Lk 19,7) Ich kann das gut verstehen. So einem engherzigen, kleinkarierten Steuersünder alles verzeihen - mir fällt das auch schwer.
Aber ich bin froh, dass Gott ihn anders ansieht. Auch wenn alle murren. Und ich hoffe, dass Gott auch mich so ansieht. Damit ich mich nicht schämen muss. Denn meine Steuererklärung ist wohl in Ordnung. Aber es gibt anderes, womit ich mich nicht gern sehen lasse. Da brauche ich Gottes verständnisvollen Blick.

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